Ein Text zum Kaddisch

Ein Freund macht mich darauf aufmerksam, daß das Kaddisch des Trauernden eine moderne Fassung erfahren hat.

S.Y. Agnon verfaßte 1947 ein Gebet, das bei Soldatenbegräbnissen gesprochen werden sollte, „während man den Särgen derer folgt, die für das Land Israel gefallen sind“.

Es ist ein Vorwort zum Kaddisch des Trauernden.

„Wenn ein König aus Fleisch und Blut gegen seine Feinde in den Krieg zieht, schickt er seine Soldaten, um zu töten und getötet zu werden. Gleich, ob er seine Soldaten liebt oder nicht. Ob der Achtung für sie empfindet oder nicht. Aber selbst wenn der Achtung für sie empfindet, betrachtet er sie als Tote. Denn der Todesengel ist einem Mann, der in den Krieg geht, dicht auf den Fersen, und er weicht nicht von ihm, um ihn zu töten. Wird er dahingerafft und getötet von einem Pfeil oder Schwert oder sonstigen Zerstörungswerkzeug, so tritt ein anderer Mann an seine Stelle. Der König merkt nicht, daß jemand fehlt. Die Völker sind ja zahlreich, und zahlreich sind seine Truppen. Fällt einer von ihnen, verfügt der König über zahlreichen Ersatz.

Doch unser König, der König der Könige, der Heilige, gelobt sei Er, wünscht das Leben und liebt den Frieden uns strebt nach Frieden und liebt Sein Volk Israel. Er hat uns auserwählt, und nicht, weil wir ein größes Volk sind, denn wir sind eines der kleinsten Völker. Wir sind wenige, und dank der Liebe, mit der Er uns liebt, ist jeder von uns für Ihn eine ganze Legion. Er verfügt nicht über zahlreichen Ersatz für uns. Wenn einer von uns fehlt, was der Himmel verhüten möge, sind die Streitkräfte des Königs vermindert, so daß Sein Reich gewissermaßen geschwächt ist. Einer seiner Legionen ist dahingegangen, und Seine Größe ist vermindert. Darum pflegen wir das Kaddisch aufzusagen, wenn ein Jude stirbt“.

Anschließend gibt Agnon einen kurzen Kommentar zum Kaddisch des Trauernden, in dem es heißt, G“ttes Name werde „verherrlicht in seiner Macht, damit es vor Seinem Angesicht keine Einbuße an Stärke gebe … und heheiligt, damit wir uns nicht um uns selbst zu ängstigen brauchen, sondern nur um den Glanz und die Pracht seiner Heiligkeit“.

Doch was Agnon schrieb, war keine allgemeine Meditation über das Kaddisch des Trauernden.

Er schrieb in Jerusalem, als die Stadt unter Beschuß lag, und so wendet er sich den harten historischen Gegebenheiten zu.

„Wenn es dies ist, was wir beten und was wir sagen für jeden einzelnen, der stirbt, wieviel mehr sollten wir es beten und sagen für unsere Brüder und Schwestern, die schönen und freundlichen und teuren Kinder Zions, die getötet wurden für das Land Israel, deren Blut vergossen wurde für die Ehre Seines gepriesenen Namens, für Sein Volk und Sein Land und Sein Vermaechtnis !

Wahrlich, jeder, der im Land Israel wohnt, ist einer von den Legionen des Königs der Könige, des Heiligen, gelobt sei Er, dem der König einen Wächter bestellt hat über Seinen Palast. Wird einer von ihnen getötet, so ist Er bertaubt um andere, die an seine Stelle treten. Und so laßt uns, meine Brüder im Hause Israel, ihr alle, die ihr bei diesem Traurigen Anlaß trauert, unsere Herzen unserem Vater im Himmel zuwenden, dem König Israels und seinem Erlöser, und für uns und für ihn, wenn ich so sagen darf, beten:

„Erhoben und geheiligt werde Sein großer Name …

(Quelle: Leon Wiesltier, „Kaddisch“, Hanser Verlag, Seite 36/37)