Leben ohne Auto

also ich vermisse mein auto nicht. ich hatte noch nie eines. ich habe mir auch nie die muehe gemacht eine fahrerlaubnis zu erwerben.

es ist nicht so das ich staendig an einem ort waere. ganz im gegenteil: ich bin eigentlich dauernd unterwegs. als pendler zur arbeit und zurueck, als besucher von vortraegen, ich gehe in die oper, besuche die schul. alles ausserhalb meines wohnortes.

mobil zu sein setze ich nicht mit automobil sein gleich. mobil sein bedeutet fuer mich mit dem oeffentlichen personennahverkehr mobil zu sein. meine erfahrungen damit sind gut (ich habe auch nicht den vergleich mit dem auto).

wo es geht benutze ich die schiene. klar bin ich manchmal etwas entnervt wenn bahnen ausfallen oder viel zu spaet kommen. aber das passiert nicht so oft wie das klischee behauptet. ausserdem bin ich nicht auf der flucht und plane meine zeit so grosszuegig ein das hektik unnoetig ist. ich waelze keine fahrplaene, die virtuellen persoenlichen fahrplaene sind da viel bequemer. meistens bin ich mit der bahn schneller am ziel als die vielen pendelnden kolleginnen und koellegen die das auto benutzen und damit jedenm morgen im stau stehen. ich komme erholt an der arbeitstelle an, die autofahrer nicht unbedingt. das unternehmen in dem ich taetig bin bietet die moeglichkeit des firmentickets an weil es ein interesse daran hat das die leute ausgeruht und puenktlich bei der arbeit erscheinen. ausserdem laesst sich das firmenticket gut in der umweltbilanz praesentieren.

mit der schul ist das so eine sache. eigentlich soll man am schabbes nicht fahren und auch keinen (halte)knopf druecken. auf der anderen seite umfasst meine gemeinde drei staedte und viel laendliches gebiet. wenn nur die leute aus der zu fuss erreichbaren umgebung zur schul kaemen koennte man die g“ttesdienste im buero des rabbiners abhalten. deshalb passt man sich an die realitaet an und ist froh das die menschen zur schul kommen – die meisten mit der bahn und/oder dem bus. wie ich auch.

ich gebe zu das die bedingungen auf ein auto zu verzichten bei mir ziemlich ideal sind: die haltestellen zu den umgebenden staedten sind nur wenige minuten entfernt, ich wohne in einem ballungsraum mit gut ausgebauten oeffentlichen verkehrsverbindungen. so komme ich auch morgens um zwei (z.b. vom sederabend) noch bequem und sicher mit bus und bahn nach hause.

die kuerzungen der streckenkilometer betreffen ja leider vor allem das laendliche gebiet. mit dem ergebnis das einige orte nicht mehr mit der bahn erreichbar sind. das ist im sinne der klimabilanz natuerlich eine katastrophe. wie kann man von menschen verlangen umweltfreundlich zu sein und auf das auto zu verzichten wenn es keine alternative gibt ? diese leute haben jetzt wirklich ein problem mit steigenden spritpreisen – weil sie keine alternative haben.

ich sehe das mit dem teuren benzin aus zwei sichten: einerseits ein problem auf diese weise gewinne an den boersen (mit) zu finanzieren. auf der anderen seite bieten die hohen benzinpreise eine chance und einen anreiz umzusteigen, car sharing initiativen beizutreten, sich mit der idee von bus und bahn anzufreunden. menschen die lange zeit auto gefahren sind und in letzter zeit darauf verzichtet haben berichten das es am anfang schwer war. inzwischen sehen sie aber auch eine zunahme an lebensqualitaet. vom eingesparten laerm und den nicht erzeugten abgasen ganz zu schweigen. es muss auch kein parkplatz mehr gesucht werden, es wird zeit gespart. der wert der bewegung wird wieder erkannt. der verzicht auf ein auto kann also – wie jeder verzicht – auch eine chance sein. es kommt auf die sichtweise an.

alles in allem ein schwieriges thema das auch mit sozialer gerechtigkeit und gruppenzwang, mit chancen und selbstverstaendnis zu tun hat.

es hat auch mit nationaler unabhaengigkeit zu tun. die abhaengigkeit von oel beeinflusst auch politische entscheidungen in diesem land. nicht nur was die deutsch-israelischen beziehungen angeht.

„weg vom oel“ ist das gebot der stunde. das heisst auch: „weg vom herkoemmlichen autoverkehr – wo immer es geht“.

noch besteht die chance diesen weg freiwillig zu gehen. in anbetracht aller chancen die darin liegen. wenn der entscheidungsprozess zu lange dauert wird es keine entscheidungsfreiheit mehr geben. wir wissen schon heute das oel ein rohstoff ist der sich dem ende zuneigt. das ist nicht neu. etwas neues waere es konsequenzen aus dieser erkenntnis zu ziehen.