Tagesklinik, 2. Tag

Heute habe ich festgestellt, wie schnell man sich in eine Tagesklinik einleben kann.

Man kennt die ersten Mitpatienten, und die Ärzte, und die  Therapeuten, schon ein wenig.

Man weiss, wo der Platz bei den Mahlzeiten ist.

Man lernt, wen man ansprechen muss, wenn etwas schief geht.

Der heutige Tag beginnt mit der Blutabnehmen. Ich habe das (zweifelhafte?) Glück, das Blut bei mir nicht einfach läuft. Das Blut spritzt. Im wahrsten Sinne des Wortes. So war das auch heute. In dem Tempo konnte die Ärztin kaum die Ampullen wechseln.

Nach der Blutabnahme geht es zum Frühstück. Das ist eine interessante Sache. Es sind 20 Leute in einem grossen Zimmer. Es herrscht (fast) absolute Stille. Das ist etwas ungewohnt für mich. Ich bin gewohnt zu sprechen, wenn ich mit anderen Menschen in einem Raum bin.

Die Sozialgruppe. Ziel dieser Gruppe ist es, soziale Kompetenz zu erwerben. Aber diese soziale Kompetenz ist ziemlich niedrigschwellig angelegt und beschäftigt sich mit Fragen wir den folgenden:

1) Ein Vertreter schellt und will mir etwas verkaufen. Wie schaffe ich es, dem Vertreter zu sagen, dass ich nichts brauche ?

2) Ein Termin beim Amt. Ich bin in die falsche Lohnsteuerklasse eingesetzt worden. Wie bestehe ich darauf, dass der Irrtum rückgängig gemacht wird ?

Alles Dinge aus dem ganz alltäglichen Leben. Es war für mich ein „Aha Erlebnis“, das ich mit solchen Situationen nie konfrontiert war. Ich habe auch so gut wie keine Erfahrung mit Ämtern. Das einzige Amt, was ich kenne, ist das Bürgeramt. Da muss ich hin, um meinen Reisepass, oder den Personalausweis, verlängern zu lassen. Da hatte ich bisher nur nette Erlebnisse. Ich habe nie die Erfahrung gemacht, dass ich nicht bekommen hätte, was ich wollte. Ich bin ja immer noch der naiven Meinung, mit Freundlichkeit erreicht man (fast) alles.

Überhaupt hatte ich heute oft das Gefühl, das es mir ganz gut geht. Wenn ich so in die Gesichter blicke, ist ganz viel Traurigkeit und Ausweglosigkeit zu sehen. So fühle ich überhaupt nicht. Ich habe schlechte Phasen. Aber diese schlechten Phasen führen nicht dazu, das ich an meinen Mitmenschen, oder am Leben, verzweifeln würde. Dazu habe ich zu viel Hilfe erfahren. Gerade auch in Sachen „Depression“.

Meine Probleme sind ganz andere: Ich habe wenig Probleme mit den Mitmenschen.

Ich bekomme Panikattacken, wenn mein Körper anders reagiert, als er sollte. Ein gutes Beispiel sind Schweissausbrüche. Oder ein schneller Herzschlag. Ich weiss, dass diese Körperreaktionen ungefährlich sind. Trotzdem wird unweigerlich der „panische Kreislauf“ in Gang gesetzt. Daran muss ich arbeiten. Ich bin optimistisch, das es gelingt.

Das Hauptproblem ist nicht die Depression, sondern die Angst.

Angst führt zu Vermeidungsverhalten und mit dem Vermeidungsverhalten, der Einschränkung im Leben, kommt die Depression.

Diese klare und deutliche Erkenntnis hat sich schon am 2. Tag der Tagesklinik gezeigt. Ein Gespräch mit dem Oberarzt hat diese Erkenntnis verfestigt. Das ist der Anfang eines Fadens. Um das andere Ende des Fadens zu erreichen,  hilft keine Vermeidung. Wir (der Oberarzt und ich) haben beschlossen, das Problem auf die „direkte Tour“ zu lösen. Direkt bedeutet Konfrontation. Konfrontation ist das Gegenteil von Vermeidung. Wie sieht Konfrontation aus? Wir werden den Körper, gezielt und bewusst, in Reaktionen treiben, die Panik auslösen. Dadurch, dass diese Situationen immer wieder auftreten und keinen Schaden anrichten, kann die Angst schwinden. Auch wenn die Angst nie ganz verschwinden wird, kann man in der Konfrontationstherapie lernen, mit der Angst umzugehen. Man kann lernen, sich mit der Angst zu konfrontieren. Das ist ein Gegenmittel zum Vermeiden bzw. Weglaufen.

Die zweite Schiene ist die tiefenpsychologische Therapie. Dazu gibt es verschiedene Mittel. Ich scheine besonders gut für die Schreibtherapie geeignet zu sein.

Nach dem Mittagessen, und dem Gespräch mit dem Oberarzt, führte mich der Weg ins Krankenhaus. EKG. Schliesslich das Gespräch mit meiner Ärztin, die mit der Tagesklinik abgesprochen hat, jeden Tag einen Bericht zu erhalten. Ich bin wirklich dankbar für diese engagierte Ärztin.

Alles in allem war der heutige Tag gut. Die Tagesklinik scheint die richtige Entscheidung zu sein. Ich muss mich nur noch etwas an die Atmosphäre gewöhnen. Ein Lächeln scheint eine Provokation zu sein. Das ist ein Problem für mich. Das ist kein Vorwurf an irgendjemanden. Ich weiss, das es vielen Menschen in der Tagesklinik viel schlechter geht als mir. Ich habe immerhin eine gesicherte Arbeit, nette Freunde, keine materiellen Sorgen und nicht zuletzt: das Judentum. Den Wert der Religion lernt man gerade in Situationen kennen, die angespannt und schwierig sind.