Tagesklinik, 25. Tag (Achterbahn)

Der Freitag in der Tagesklinik war einfach nur schrecklich. Am Anfang. Ehrlich gesagt hatte ich vor die Tagesklinik abzubrechen. Schon morgens war ich wegen meiner Trauer auf 180, was ein Therapeut gleich zu spüren bekam. Ich saß den halben Tag unentschlossen, traurig, wütend, ratlos herum. Die Gruppen rauschten an mir vorbei ohne das mich etwas erreicht hätte.

Dann gab es ein Gespräch mit einer Mitpatientin aus der Angstgruppe. Aus einer guten Freundin und Ratgeberin geworden ist. Ich erzählte ihr, was los ist und es flossen ganz viele Tränen. Das haben natürlich auch einige andere gesehen. Aber die Mitpatientin, die mir zu einer engen Freundin geworden ist, hat mich einfach nur in den Arm genommen und ganz, ganz, fest gedrückt und sanft hin und her bewegt. Das war gar nicht peinlich. Es ist inzwischen so viel Vertrauen entstanden, das auch solche Situationen in Ordnung sind. Meine Tränen wollten gar nicht aufhören zu fließen.

Ich habe das Gefühl Angst und Depression, und abgrundtiefe Traurigkeit, ist vor allem von Menschen zu verstehen, die das selbst erlebt haben und vielleicht auch deshalb in Behandlung sind. Diese Frau jedenfalls wusste so genau, wie ich mich fühlte. Aus eigener, leidvoller, Erfahrung.

„Danach“ ging es mir dann erst mal besser. Der hatte ein Ventil gefunden. Wir überlegten und kamen darauf, dass ich eigentlich nur zu zwei Personen im Team der Tagesklinik blindes Vertrauen habe. Zu einer Therapeutin und meiner Ärztin. Die Ärztin ist aber in Urlaub und so blieb die Therapeutin. Nach dem Mittagessen habe ich mich mit der Therapeutin zusammengesetzt und ihr geschildert, was los ist. Wie war etwas ratlos und sagte sie müsse nachdenken, wie das Problem zu lösen ist. Es kam die Mittagspause und ich verschwand, mit meiner besten Mitpatientin, um das Problem zu besprechen.

Kaum wieder in der Klinik angekommen wurde ich „nach oben“ gerufen. Zum Oberarzt und zum Psychologen. Wir fanden uns zu dritt in einem raum wieder. Der Oberarzt, in seiner freundlichen und auch sehr offensiven Art, fragte mich, was los ist und warum ich die Tagesklinik abbrechen möchte. Er sagte mir auch das Er alles Versuchen werde, um meinen Entschluss zu ändern. Ich erzählte ihm von den schmerzen und der Trauer. Ich erzählte ihm von meiner Ratlosigkeit und auch dem Gefühl, bis auf die Zwei ausnahmen, völlig fremd im Kreis meiner Mitpatienten zu sein. Es verbindet mich absolut nichts mit ihnen. Außer (vielleicht) der Krankheit. Der Oberarzt hörte sich alles an und überlegte. Er sagte das in meiner Situation eine ambulante Behandlung absolut nicht ausreicht und die Gefahr eines unkontrollierten Zusammenbruches deutlich zu gross ist. Er sagte aber auch das Es die Notfall Option der stationären, psychiatrischen, Behandlung gibt und ich jederzeit kommen kann. Auch nachts und am Wochenende.

Wir einigten uns darauf, dass ich in der Tagesklinik bleibe. Bis meine Ärztin wiederkommt, werde ich vom Oberarzt behandelt. Falls es in der Zeit nach der Tagesklinik Probleme gibt, ist die Station im Krankenhaus für mich offen.

Der Oberarzt sagte mir aber auch das mein Entlassungstermin sich nach hinten verschieben wird. Mein Zustand habe sich zwischenzeitlich so nach unten bewegt das vieles wieder neu aufgebaut werden muss.

Nach diesem Gespräch besuchte ich meinen alten, vertrauten, Psychiater im Krankenhaus. Es war gut ihn wieder zu sehen. Es zeigte sich, wie gut es ist, über viele Jahre vom gleichen Arzt behandelt zu werden. Man versteht sich und das Gespräch fällt leichter. Wir besprachen, sehr lange und ausführlich, die Situation und beschlossen das Es sinnvoll ist die Behandlung in der Klinik fortzusetzen. Allerdings kann ich auch jederzeit zu ihm, dem altbekannten Arzt, kommen, wenn Probleme auftauchen.

Der Tag ist wie eine Achterbahn verlaufen. Aber ich habe auch viel vertrauen gewonnen. Ich habe festgestellt, dass es Mechanismen gibt, die ein Abstürzen verhindern. Ich habe wieder einmal die Erfahrung gemacht, dass es Menschen gibt, die mich auffangen, bevor ich aufschlage. Es war ein guter Tag.