Freiheit und Judentum

Freiheit im Judentum.

Freiheit und Judentum.

Die Freiheit des Einzelnen.

Die Pluralität.

Judentum ist Pluralität. Pluralität in den Richtungen. Pluralität in der Frage, wie Judentum gelebt wird. Es gibt keine endgültigen Wahrheiten. Das ist gut so.

Jeder Einzelne, auch ein Konvertit, hat die Pflicht (!) sein Judentum zu definieren. Es gibt auch für Konvertiten die Möglichkeit, Dinge zu tun oder zu lassen. Ich habe von meinem Rabbiner gelernt, das es eine Pflicht (!) ist seinen eigenen (!) Weg zu definieren und zu gehen. Es ist nicht das ausschlaggebende Kriterium, ob dieser Weg einer Mehrheitsmeinung entspricht. Das ist schon deshalb so, weil es ja auch verschiedene Richtungen im Judentum gibt. Das trifft zwar auf Deutschland nur beschränkt zu. In den USA wiederum ist das jüdische Leben um einiges bunter. Ich kenne dort jüdische Menschen, die mit ganz verschiedenen Konzepten ihren Glauben leben. Das reicht von Reform bis Orthodox. Somit sind auch die praktizierten Lebenswerten verschieden. Ich weigere mich, diese Lebenswelten zu bewerten. Die Hauptsache ist, dass die Menschen damit glücklich sind.

Das ist kein Widerspruch zu meiner Meinung, das Judentum nicht durch Beliebigkeit die langen Jahrtausende des Exiles überlebt hat. Ich halte Beliebigkeit noch immer für den falschen Weg. Aber Liberalität und Reformismus müssen nicht unbedingt etwas mit Beliebigkeit zu tun haben. Es handelt sich eher um Lebenseinstellungen. So wie Orthodoxie eine Lebenseinstellung ist.

Aber auch hier gilt: Es gibt die (jüdische) Orthodoxie nicht. Auch die Orthodoxie ist in viele Richtungen gespalten. Ich bilde mir nicht ein, auch nur einen Bruchteil der Strömungen zu kennen.

Ebenso ist das mit der Schul: Es gibt gute Gründe dafür. in die Schul zu gehen. Ein sehr guter Grund ist, dass man mit anderen Menschen gemeinsam beten kann. Jüdische Religiosität kann aber auch abseits der Schul leben. Juden und Jüdinnen, die nicht in die Synagoge kommen, müssen nicht weniger religiös sein.

Vielmehr habe ich, nicht zuletzt bei der Lektüre von Rabbiner Samson Rafael Hirsch, gelernt das Judentum in erster Linie eine tätige Religion ist, die in ihrer jeweiligen Gesellschaft wirkt. Es ist absolut falsch, so führt Rabbiner Hirsch immer wieder aus, das Judentum auf ein paar „heilige Stunden“ in der Schul zu reduzieren. Judentum ist auch Zusammengehörigkeit und ist auch Schicksalsgemeinschaft. Die Synagoge ist ein wichtiges Symbol und nicht zuletzt ein wichtiger Ort, um zu beten. Um zu trauern. Um zu feiern. Um zu lernen. Aber die Synagoge muss (und sollte?) nicht der alleinige Mittelpunkt des jüdischen Lebens sein. Soziales Engagement ist ebenso jüdisches Wirken. Ganz konkret.

Ich denke, moralische Entrüstung ist in religiösen Fragen unangebracht. Ich weigere mich, zwischen „guten“ und „schlechten“ Menschen zu unterscheiden. Ich habe zu Yom Kippur geschrieben, das an Rosch Haschana drei Bücher geöffnet werden. Das Buch für die absolut Gerechten (Zaddikim). Das Buch für die absolut Schlechten. Das Buch für die Menschen in der Mitte der Waage. Dieses Buch ist am grössten. Dort werde ich mich letztlich wiederfinden. Trotz aller Jeschiwa werde ich immer wieder gezwungen (und auch gewillt) sein, mein religiöses Leben der gesellschaftlichen Realität anzupassen. Wie gesagt: Judentum ist eine tätige Religion. Das ist kein Plädoyer für die Beliebigkeit (ich schreibe immer wieder dagegen an). Das ist aber, sehr wohl, ein Plädoyer für Rationalismus. Gerade in religiösen Fragen.