Der schwierige Weg zur (richtigen) Diagnose

Mitte 2002 startete meine Depression mit ganz anderen Vorzeichen. Diese Vorzeichen trugen die Namen Angstzustände und Panikattacken. Massives körperliches Unwohlsein begleitete die Angstzustände und Panikattacken.

Ich kann die Diagnosen, welche gestellt worden sind, kaum aufzählen. Wenn mich wieder einmal eine Panikattacke, ganz wörtlich, zu Fall gebracht hatte war die häufigste Diagnose: Herzinfarkt. Ich wurde mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren. Als ich dort ankam waren die Beschwerden aber schon ziemlich abgeklungen. Die Untersuchungen ergaben, rein organisch, absolut nichts. Ich wurde wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Nachdem sich dieses Schauspiel ein paar Mal wiederholte beschloss der Arzt, in der Notaufnahme des Krankenhauses, mich nicht nach Hause zu schicken. Es folgten fünf tage intensiver Untersuchungen. Alle Untersuchungen blieben ohne körperliche Ergebnisse. Da wurde ich dann zum Psychiater (der im gleichen Krankenhaus sitzt) geschickt und der stelle die eindeutige Diagnose: Panikerkrankung. Nach Jahren hatte die Odyssee ein Ende. Endlich wurde eine Diagnose gestellt die mir weiterhelfen konnte. Endlich wusste ich was mit mir los war (und ist).

Von anderen Betroffenen kenne ich dieses Problem und diese Leidensgeschichte auch. Sie wurden von Arzt zu Arzt geschickt. Alles mögliche wird diagnostiziert. Nur die richtige Diagnose ist nicht dabei.

Heute ergibt alles seinen Sinn. Heute ist es mir möglich, so glaube ich, körperliche und nervliche Beschwerden zu trennen. Heute weiss ich, wohin der Weg führt wenn die Beschwerden, die Ängste, die Traurigkeit, die Trauer, zu gross wird.

Heute weiss ich das meine Depressionsgeschichte lang ist. Wahrscheinlich begann diese Geschichte in der Schulzeit. Heute weiss ich,das die Angst und Panik „nur“ Auswirkungen der Depression sind. Das Hauptproblem ist die Depression.

Ich kann nicht sagen das die Depression im Griff wäre. Die Depression verläuft wellenförmig. Mal geht es mir richtig gut. Dann wieder abgrundtief schlecht. Diese Zustände können sich auch täglich ändern. Leider kann ich, zur Zeit, absolut nichts voraus planen. Nicht einmal von einem Tag auf den anderen. Aber ich weiss das Geduld wichtig ist. Es geht nicht darum die Depression zu bekämpfen. Es geht darum die Depression anzunehmen.

In der Angstgruppe der Tagesklinik habe ich gelernt, das es am besten ist die Befindlichkeiten der Depression wie alte Freunde zu begrüssen. „Angst, schöen dich zu sehen“; „Schwindel, gut das du da bist“. Nicht immer gelingt es mir. Aber ab und zu kann ich, mit dieser Taktik, die Beschwerden auf einen anderen Platz verweisen.

Heute weiss ich endlich was mit mir los ist. Ich weiss das es ein Krankenhaus mit Akutstationen und mit einer offenen und einer geschlossenen Station gibt. Ich kenne die meisten Ärzte dort. Dieses Wissen, im Notfall gut versorgt zu sein, macht die Sache für mich einfacher. Dieses Wissen nimmt mir auch, ein Stück weit, das Gefühl ausgeliefert zu sein.

Aber bevor dieser Zustand erreicht werden konnte,  gab es einen langen Weg aus Fehldiagnosen, Verzweiflung, Unsicherheit.

Wie gesagt: Ich kann nicht sagen die Depression „im Griff zu haben“. Es beginnt gerade erst die nächste Phase. Die Ursachenforschung. Wenn die Ursachen offen zu Tage treten kann ich vielleicht meinen inneren Frieden mit der Depression schliessen. Vielleicht.