Vom Umgang mit dem eigenen Tod

Trauerbegleitung verändert. Mit viel Glück beginnt die Veränderung schon in der Ausbildung für die spätere Tätigkeit im Hospiz oder auf der Palliativstation.

Der Tod ist das letzte Tabu unserer Gesellschaft. Tod und Sterben sollen in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Die Gedanken werden verdrängt, verschoben. Für den Prozess des Sterbens sind Krankenhäuser oder Pflegeheime zuständig. Hauptsache die Pflegebedürftigen, Sterbenden, sind aus dem Blickfeld. Das Sprichwort „Aus den Augen, aus dem Sinn“ hat auf einmal eine ganz andere Bedeutung.

Das war nicht immer so. Es gab einmal Zeiten da galt es als Ideal in der Familie, im Kreis der Lieben, zu sterben. Es gibt zahlreiche literarische Schilderungen. Die wohl bekannteste dürfte das Sterben von Thomas Buddenbroock sein. Thomas Mann schildert (auch) dieses Sterben in seinem Roman „Die Buddenbroocks“. Auch heute wünscht sich die Mehrzahl der Deutschen zuhause zu sterben. Die meisten allerdings sterben, ruhiggestellt und mit einem Mindestmass an Aufmerksamkeit (das nur noch ein ÜberLeiden sichert) in Altenheimen und Krankenhäusern. Im besten Falle gibt es funktionierende Hospize.

Diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr. Diese Entwicklung ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Weichenstellung. Sterben ist tabu und passt nicht in unsere Leistungsgesellschaft. Sterben passt auch nicht zur sinnfreien Spassgesellschaft in der wir leben (und sterben).

Ich bin durch die Ausbildung im Hospiz mit Instrumenten ausgestattet worden die es mir ermöglichen mit einem gesunden Bewusstsein Sterbenden gegenüber zu treten. Wer dieses Bewusstsein, das auch ein Stück Sicherheit gibt, nicht hat der kann den Prozess des Sterbens nicht wirklich gut begleiten.

Man sollte ein Stück weit mit sich im Reinen sein um andere Menschen in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten.

„Den eigenen Keller aufräumen“ heisst so eine Übung in der Ausbildung. Man macht sich, auf eigene Weise, bewusst was noch im Keller liegt. Man macht sich bewusst was noch unerledigt ist und wo eigenes Versagen und eigene Schuld liegen. Mir hilft es den eigenen Keller erst einmal schreibend zu ergründen. Ich habe einen Brief an meinen eigenen Keller in der Seele geschrieben. Ich habe auch überlegt was noch regelbar ist um den Keller in meiner Seele etwas aufzuräumen. Da hat sich einiges aufgetürmt was ich zuerst mit mir selbst, dann aber auch im praktischen Handeln und im Dialog, klären will. Sicherlich gibt es auch einiges in diesem Keller was nicht mehr zu regeln ist. Schuldlos in den Tod zu gehen ist eine Illusion.

Indem ich angefangen habe mich mit dem eigenen Tod zu beschäftigen kommt, langsam, die Situation in der ich die Angst vor meinem eigenen Tod verliere. Ich lerne dass es auch eine Akzeptanz des Todes gibt. Es ist für mich kein Schreckgespenst nicht mehr auf dieser Welt zu sein. Sicherlich habe ich noch einiges vor in meinem Leben. Aber es ist eine Illusion zu glauben den Tod „bestechen“ oder „aufhalten“ zu können. Wir kennen nicht den Zeitpunkt unseres eigenen Todes. Wir bestimmen diesen Zeitpunkt auch nicht selbst.

Ich finde es schade wenn Sterben und Tod so lange verdrängt werden bis es nicht mehr geht. Mit der Akzeptanz dieser Problematik können wir nämlich auch intensiver und angstfreier leben. „Die letzten Dinge zu regeln“ ist keine Vorbereitung auf den Tod. Das ist eine Erleichterung unseres Lebens.

Ich bin dabei ganz klar, für mich, zu klären wie das Aussehen soll mit dem Tod. Ein Testament. Eine „Anweisung“ für die Beerdigung. Ich finde all das nicht belastend. Es ist vielmehr eine Entlastung.

Genauso wie die Patientenverfügung mir Sicherheit gibt. Diese Patientenverfügung ist nicht dazu gedacht Angehörige oder Ärzte in ihrem Handeln einzuschränken. Ich erlebe immer wieder wie eine Patientenverfügung den Nächsten – seien es Angehörige oder Ärzte – eine Entlastung sein kann. Sie müssen keine schwerwiegenden Entscheidungen wie z.B. die Frage ob eine Ernährung über eine Sonde erfolgen soll oder nicht, wie die Schmerztherapie aussehen soll, ob Lebensverlängerung mittels Maschinen erfolgen soll oder nicht, treffen. In meiner Patientenverfügung ist all das geregelt. Ich hänge nicht so sehr an meinem irdischen Leben als das ich um jeden Preis weiterleben soll. Es gibt eine Grenze in mir die nicht überschritten werden soll. Diese Grenze soll in guten Tagen und bei klarem Verstand festgelegt werden.

Über den Tod nachzudenken heisst auch über das Leben nachzudenken. Was würde ich auf meine letzte Reise mitnehmen wollen ? Da gibt es ganz unterschiedliche Meinungen. Manche nehmen einen grossen Koffer mit. Anderen reicht eine kleine Tasche. Ich möchte gar nichts Materielles auf diese letzte Reise mitnehmen. Ich möchte nur meine Fähigkeit zu vertrauen auf diese Reise mitnehmen. Ich habe mich in den letzten Jahren immer mehr von materiellen Dingen entfernt. Wichtiger sind mir Menschen und Fähigkeiten die ich noch erwerben darf.

Was wird von mir bleiben wenn ich nicht mehr in dieser Welt bin ? Was soll bleiben ? Werden sich Menschen an mich erinnern. Was ist da wichtig ? Oder ist mit dem Tod alles aus ? Zunächst einmal wird ein Grab bleiben. Vielleicht werden auch Erinnerungen bleiben und Menschen die meine wenigen Ideen weiterführen. Auch dieses Weblog wird bleiben. Als lebendiges Zeugnis.

Wie wäre die Bilanz wenn ich heute sterben würde ? Die Bilanz würde lauten: „Ich habe mich bemüht meine Zeit in dieser Welt so gut wie möglich zu nutzen“. Das ist nicht wenig.

Das ist ein kurzer Abriss von Dingen die mir einfallen wenn ich an die Thematik „Tod und Sterben“ denke. Es gibt da noch viel zu schreiben und dieser Beitrag wird nicht der letzte zum Thema sein.