Brief an meine Traurigkeit

Du begleitest mich nun schon seit vielen Jahren. Eigentlich solange ich denken kann. Schon als kleines Kind war mir nicht zum Spielen mit anderen zumute. In der Schule hatte ich nicht viele Freunde. Auch in meinem (scheinbar) geordneten Leben setzt sich die Traurigkeit fort. Eigentlich sollte ich doch zufrieden sein. Ich lebe in einem schönen Haus. Ich kann mir zu essen und zu trinken kaufen. Not und Entbehrung habe ich nie erlebt. Die Wahrscheinlichkeit beides zu spüren ist sehr gering. Ich habe eine ausreichende Altersversorgung und kann meinen eigenen Interessen nachgehen. Im Allgemeinen würde man vielleicht sagen: „Er hat es geschafft“.

Und trotzdem verlässt mich diese Traurigkeit nicht. Früher war es so dass die Traurigkeit erst kam wenn ich die Tür zu meiner Wohnung zumachte. Einsamkeit.

Inzwischen ist es so dass mich die Traurigkeit den ganzen Tag über begleitet. Ich habe das Gefühl diese Traurigkeit wird auch nicht aufgebrochen wenn ich unter Menschen bin die mich mögen. Man merkt es mir vielleicht nicht auf den ersten Blick an. Es ist immer diese Maske da. Ich schaffe das schon. Alles ist gut. Doch hinter dieser Maske ist der Abgrund. Der Abgrund meiner Seele. Dieser Abgrund ist tief und wird immer tiefer. Es sind nicht viele Steine in diesem Abgrund. Aber es ist eine riesige Schlucht. Manchmal habe ich das Bedürfnis in diese Schlucht zu springen. Auf der anderen Seite hält mich der Glauben davon ab. Auch hält mich von diesem Sprung der Gedanke ab das ich geliebten Menschen diesen Sprung nicht antun kann.

Diese Traurigkeit, ich sagte es schon, verstecke ich hinter einer gutaussehenden Maske. Es ist alles im Griff. Alles wird gut. Kein Grund zur Beunruhigung. Ich kann ganz gut für andere Menschen sorgen. Für mich selbst sorgen kann ich nicht.

Achtsamkeit habe ich nie gelernt.

Achtsamkeit fällt mir schwer.

Ich muss doch. Obwohl ich weiss das es keinen Grund für das „müssen“ gibt. Vielleicht will ich auch eher (aktiv sein) um weiter vor mir selbst zu fliehen. Heute ahne ich: Mein verrücktes Leben war eine Flucht vor mir selbst und ist es auch heute noch. Ich habe einiges erreicht. Aber indem ich mehr erreicht habe ist der Abstand zu meiner Seele immer mehr gewachsen. Mit jedem weiteren Erfolg wurde der Weg zu meiner Seele immer weiter. Bis ich meine Seele schliesslich nicht mehr spürte.

Leider kann ich mich nicht (mehr) freuen. Ich weiss nicht mehr wann ich das letzte Mal Freude erlebt habe. Materielle Dinge interessieren mich nicht mehr. „Kaufen“ kann zwar. Aber das befriedigt mich längst nicht mehr. Konsum macht mich leerer als ich ohnehin schon bin.

Auch Dinge die ich ins Leben rufe (und die gut laufen) lösen bei mir keine Freude aus. Alles ist wie von einer dunklen Wand umgeben. Manchmal habe ich das Gefühl hinter einer dicken Scheibe von der Welt getrennt zu sein.

„Die Unfähigkeit zu fühlen“ – so würde ich meine Depression umschreiben. Wobei das nicht wahr ist. Manche Kritik trifft mich schon – ganz persönlich. Kritik nimmt einen höheren Stellenwert ein als Lob. Auf der anderen Seite: Mit Kritik kann ich umgehen. Mit Lob nicht. Mit negativen Gefühlen kann ich umgehen. Mit positiven Gefühlen nicht.

Mir kommt mein Leben wahnsinnig leer vor. Manchmal habe ich das Gefühl mein Leben hat keinen Inhalt. Keinen Sinn. Kein Ziel.

Selbst Religion kann das Gefühl der Traurigkeit nicht von mir wegnehmen. Ich bete die täglichen Gebete. Aber es sind eher Gebete des Flehens aus einer tiefen Not. Keine Gebete der Freude.

Ich weiss nicht wie es auf Dauer weitergehen soll. Werde ich für den Rest meines Lebens in diesem Gefängnis der Traurigkeit bleiben? Oder wird es wieder ein erfülltes, nicht zuletzt spirituelles, Leben geben? Im Moment bin ich ohne Hoffnung. Die drohende, schwarze, Wand kommt immer näher und droht mich zu verschlucken. Das ist Drohung und Verlockung zugleich. Wäre es so schlimm den Kampf aufzugeben und sich der eigenen Destruktivität auszuliefern? Wäre es so schlimm sich der schwarzen Wand nicht weiter entgegen zu stellen sondern diese Wand anzunehmen?

Was wäre verloren wenn diese Wand bestiegen wäre. Ich weiss nicht was ich sehen würde.

Ich erinnere mich an einen Traum der immer wiederkehrt. Ich liege im Bett. Aber mein Bewusstsein schwebt über dem Bett. Ich sehe mich sozusagen selbst unten liegen. Da kommt eine Hand. Ich habe keine Angst. Ich ergreife die Hand. Diese Hand zeigt mir einen steilen Weg. Es ist ein Aufstieg zu einem Berg. Die Hand ist verschwunden. Aber der Weg auf den Berg ist klar. Ich sehe Licht. Je höher ich auf den Berg hinaufsteige umso leichter werde ich. Alle Schmerzen, alle Tiefe, alle Traurigkeit, verschwindet. Ich steige den Berg schneller hinauf. Mit jedem Schritt wird die Freude grösser. Es ist ein helles Licht das immer sichtbarer wird. Eine Wärme ist spürbar. Diese Wärme wird grösser je mehr ich mich dem Gipfel nähere. Dann stehe ich auf dem Gipfel und sehe: Jerusalem. Nicht das heutige Jerusalem. Sondern das himmlische Jerusalem wie es uns in der Bibel beschrieben wird. Ein Jerusalem umgeben von grossen Gärten. Riesige Obstbäume. Im Zentrum der Stadt steht der wiedererbaute Tempel. Man hört himmlische Gesänge. Ich treffe einen Menschen wieder der längst verstorben ist. Dieser Mensch sagt mir dass ich zurückgehen muss. Meine Zeit ist noch nicht gekommen. Er drängt mich zum Aufbruch. Ich will nicht aufbrechen. Ich will weiter Jerusalem, in seiner himmlischen Schönheit, sehen. Trotzdem ist da etwas das mich zurückzieht. Als ich mich umdrehe stürze ich die Schlucht herunter. Aus Licht wird Finsternis. Aus Wärme wird Kälte. Ich wache auf. Ich weine.

Dieser Traum kommt immer wieder. Ich glaube Der Traum zeigt mir meine Situation sehr gut. Ich will in ein anderes, erfüllteres, spirituelleres, Leben. Aber ich kenne den Weg nicht in dieser Welt. Gibt es den Weg in dieser Welt ? Was mir Hoffnung gibt ist nicht diese Welt. Sondern Olam Haba. Die zukünftige Welt. Wenn ich für die Wiedererrichtung des Tempels in Jerusalem bete hat das, für mich, also eine ganz reale Bedeutung in meinem Leben. Ein Modell dieses Tempels steht auf meinem Schreibtisch. Aber dieser Traum zeigt mir auch dass ich nicht selbst entscheiden kann wann der Tempel wieder erbaut wird und die bessere Welt beginnt.

Es gibt ein Lied von Rabbiner Shlomo Carlebach das ich sehr mag. Shlomo Carlebach beschreibt darin „Days are Coming“ den Lebenszyklus in der Welt der gottesfürchtigen Juden. „Waiting, Waiting“. Auf den Tempel. Auf den Messias. Shlomo Carlebach singt in dem Text dass der erste und der letzte Atemzug eines religiösen Juden den heiligen Schriften gewidmet ist. Er singt über eine Prophezeiung aus Jerusalem. Es wird eine grosse Not über die Welt kommen. Aber die Menschen werden keinen Mangel an Brot oder Wasser leiden. Die Menschen werden einen Mangel an den Worten G“ttes leiden. Die Auflösung dieser Prophezeiung muss jeder Mensch für sich selbst finden. Das Lied endet mit dem letzten Atemzug eines religiösen Juden. Dieser Atemzug ist den heiligen Worten gewidmet. Mögen die Gebete, auch meine Gebete, das Kommen des Messias bewirken. Dann werden alle Tränen abgetrocknet werden und alle Schmerzen und alle Traurigkeit werden vergangen sein.