Ein Vortrag zum Thema „Depression“

Wenn ich einen Vortrag über Depressionen halten soll, habe ich ein Problem. Ich weiss zwar, wie der Vortrag am Ende aussieht. Aber ich weiss nicht, wie ich anfangen soll. Warum nun ist das Ende einfacher als der Anfang?

Weil ich mit meiner Depressionsgeschichte ziemlich am Ende angekommen bin. Weil ich meine Depression heute annehmen kann. Weil ich zwar gerne auf die Depression verzichtet hätte. Aber das Ende ist einfacher, weil meine Erfahrungen mit der Depression, einen positiven Prozess der Selbstbesinnung, der Wegklärung, gebracht haben.

Es gibt die Diskussion ob man eine Depression, im eigenen Verständnis, so nennen soll. „Depression“ – das klingt so negativ. Fast wie ein Todesurteil.

Oft genug ist die Depression, wenn wir an die hohe Suizidrate denken, wirklich ein Todesurteil.

Es hat mir geholfen, der Depression einen anderen Namen zu geben. Aus der Diagnose „Depression“ ist mein Weg zu einem bewussteren Leben geworden.

Wie hat das alles angefangen? Ich weiss nicht mehr, wann die Depression begonnen hat. Aber ich weiss, welche Anzeichen es gab.

Als Erstes war da ein Verschwinden des Zeitgefühls. Es gab keinen Tag und keine Nacht mehr. Die Zeiger auf der Uhr waren bedeutungslos geworden. Ich lag tagelang im Bett und war nicht mehr fähig auch nur die geringste Anstrengung zu unternehmen. Selbst Aufstehen, auch Nahrungszufuhr, war zu viel Anstrengung. Ich lag einfach nur im Bett, in einer völlig abgedunkelten Wohnung, und wartete. Worauf ich gewartet habe? Ich weiss es nicht. Vielleicht habe ich, in letzter Konsequenz, auf den Tod gewartet.

Nach dem Verschwinden des Zeitgefühls kam das genaue Gegenteil von Passivität. Eine massive Angst. Keine Angst vor dem Tod. Auch keine Angst vor dem Leben. Ich kann die Angst nicht thematisieren. Sie war einfach da. Die Angst schüttelte mich durch, verkrampfte meinen Magen, nahm mir klare Gedanken. Die Angst trieb mich auch auf das Dach meines Hauses. Es war hoch genug. Einfach nur springen. Jetzt. Ich bin nicht gesprungen. Ich kann nicht genau sagen, was mich davon abhielt. Aus heutiger Sicht sage ich: Gott hat seine schützende Hand über mich gehalten.

Irgendwann kam die Ohnmacht. Ich hatte tagelang nicht getrunken. Tagelang nichts zu essen ist ein geringes Problem. Tagelang nicht zu trinken ist lebensgefährlich. In diesem Zustand kam ich erst auf die Intensivstation, dann auf die Station für Innere Medizin. Aus irgendwelchen Gründen wurde ich nicht auf die Psychiatrie verlegt. Vielleicht war der Grund die Bekanntschaft meiner Eltern mit einem Oberarzt der Inneren Medizin. Nach einigen Tagen war das Wassergleichgewicht wieder hergestellt.

Der befreundete Arzt legte aber Wert auf eine psychiatrische Untersuchung. Ich war damals so fertig mit der Welt, dass ich nichts dazu sagte. Eigentlich sagte ich auch im ersten Gespräch mit dem Psychiater so gut wie nichts. Das brauchte ich auch gar nicht. Der Mann hatte genug Erfahrung um die Diagnosen zu stellen: Depression, Angsterkrankung, Panikstörung, Selbsthass. Irgendwie erreichten mich die Diagnosen nicht. Die Worte machten keinen Sinn. Aber letztlich haben mir die Ärzte im Krankenhaus einen Weg zurück ins Leben ermöglicht.

Mit der Depression, der Angst, der Panik, auch dem Selbsthass war das schwieriger. Der Psychiater entschied das in meinem Zustand eine Therapie sinnlos war. Erst musste ich wieder Boden unter die Füsse und Abstand von den Symptomen bekommen. Es folgte eine lange Phase der Behandlung mit Medikamenten. Gleich das erste Antidepressivum hat angeschlagen. Es war Doxepin (auch als Aponal bekannt). Das Medikament macht zwar müde. Aber letztlich hilft es Abstand zu gewinnen von der Angst. Später wurde das Aponal reduziert und das Medikament Venlafaxin (auch bekannt als Trevilor) kam zum Einsatz. Die Zeit der Medikamenteneinnahme dauerte mehrere Jahre.

Nun wissen wir das eine ordentliche Therapie auf drei Säulen beruht: Medikamente – Psychotherapie – Bewegung.

Vor zwei Jahren kam die Tagesklinik zum Einsatz. Ziel dieser Tagesklinik ist es Menschen mit psychischen Störungen, die aber stabil genug sind die Nächte und Wochenenden zu Hause zu verbringen, wieder (versuchsweise) ins Alltagsleben einzugliedern. Da wird gekocht und gebacken, da hat man Tischdienst (den Tisch für alle decken und die Spülmaschine bedienen), da wird viel Wert auf Bewegung gelegt. Aber es finden auch Einzel- und Gruppengespräche statt. Das Schöne an der Tagesklinik ist, das es dort nur 20 Plätze gibt. Jeder Patient hat seinen eigenen Bezugstherapeuten, die Ärzte in der Tagesklinik nehmen sich alle Zeit der Welt, um mit den Patienten ins Gespräch zu kommen, bei akutem Gesprächsbedarf ist keine Anmeldung notwendig. Das Gespräch findet sofort statt. Jeder Patient hat auch Gelegenheit seine Mitpatientinnen und Mitpatienten kennenzulernen. Das sind fast paradiesische Zustände.

In der Tagesklinik gab es für mich einen Durchbruch. Das war die Angstgruppe. In dieser Gruppe wurde die Angst im Allgemeinen und die eigene Angst untersucht. Jeder musste in der nächsten Stunde der Angstgruppe einen kleinen Vortrag halten. Das tut auch dem Selbstbewusstsein gut.

Mit jedem Patienten wurden konkrete Übungen zur eigenen Angst gemacht.

Mir machte zum Beispiel das Hyperventilieren Angst. So Hyperventilierten wir in der Gruppe also zwei Minuten lang. Ich weiss nicht  wer das Gefühl kennt. Ich dachte jedenfalls das Ich tot vom Stuhl falle. Nun, ich lebe noch.

Gegen meine Angst vor Dunkelheit wurde ich in einen dunklen Keller gesteckt. Handy und Uhr musste ich abgeben. Die Verhaltenstherapeutin stand vor der Türe. Das machte die gute Frau nicht um mich zu demütigen. Sondern damit ich sehe das nichts passiert. Sicher. Die Panik kam auf. Aber letztlich ist nichts passiert.

Später habe ich erkannt, dass es um ein viel grösseres Konzept ging – und geht. Es geht um den Lernprozess namens VERTRAUEN. Und damit bin ich fast am Ende.

(Wer in der Zwischenzeit eingeschlafen ist, kann jetzt geweckt werden.)

VERTRAUEN war für mich DER Weg hinaus aus der Angst, der Panik, der Depression.

VERTRAUEN war für mich auch ein Weg aus dem Selbsthass.

Es WAR ein Weg? Nein – es IST ein Weg. Eben ein Lernprozess.

Indem ich, nach all dem Geschilderten, angefangen habe zu Vertrauen – mir selbst und anderen gegenüber – ist der Leidensdruck geringer geworden.

Dieses Vertrauen führte mich zu meiner jetzigen Therapeutin. Dieser Frau kann und darf ich blind vertrauen. So kann die Therapie überall da ansetzen, wo die Wunden noch offen sind. Es gibt da eine Menge Wunden. Was ich Ihnen berichte, ist keine Erfolgsgeschichte. Aber eine Geschichte der inneren Wandlung.

Ich weiss heute das die Depression, die Angst, die Dunkelheit, mich immer wieder befallen werden. Es wird kein Leben mehr ohne die Erinnerungen und ohne die Dunkelheit geben. Es wird kein Leben mehr ohne Pflaster auf der Seele geben.

Aber ich lerne, jeden Tag neu, diesen Teil meines Selbst zu akzeptieren. In der erwähnen Angstgruppe, in der Tagesklinik, habe ich gelernt meine Ängste und Dunkelheiten nicht mehr zu bekämpfen. Heute kann ich das alles annehmen. Das spart viel Kraft.

Ich habe am Anfang gesagt das die Depression mich dazu geführt hat bewusster, positiver, erfüllter, zu leben. Materie hat für mich eine absolut zweitrangige Bedeutung gewonnen. Ich weiss, dass es nur noch wenige Freunde gibt. Aber diese Freunde sind wirkliche Freunde. Da kann ich hinkommen so, wie ich bin.

Meine Geschichte hat mich, nicht zuletzt, auch zum Glauben geführt. Ich kann in Phasen von Angst und Dunkelheit die negativen Impulse in ein Gebet packen. Mir hilft das. Die Seele ist dann weniger belastet.

Ich denke oft an ein Wort von Dietrich Bonhoeffer, jenem mutigen Streiter gegen die NS Schergen. Gerade heute, am 09.November, am Tag des Gedenkens, sind mir diese Zeilen besonders wichtig. Dietrich Bonhoeffer schrieb diese Zeilen im Gefängnis, im Dezember 1944, im Angesicht des sicheren Todes.

Von guten Mächten wunderbar geborgen

Erwarten wir getrost, was da kommen mag,

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,

Und gewiss an jedem neuen Tag.