Ein guter Abend

Eine Evangelische Kirchengemeinde mitten in Deutschland. Ein Vortrag und eine Diskussion. Thema „Warum trenn(t)en sich Juden und Christen?“ Urchristentum als Schnur des Abends. Natürlich kam die Diskussion auf Israel. Das gegenwärtige Israel. Die Politik Israels. Die Lage der Christen im Nahen Osten. Was mich tief berührt hat: Hier war eine Diskussion, ganz ohne Emotionen, ganz ohne Schuldzuweisungen, ohne „platte Sprüche“ möglich. Und das, obwohl ich die Position Israels ziemlich deutlich vertreten habe. Nie habe ich den Anspruch vertreten, neutral zu sein. Kann man in diesem Konflikt neutral sein? Kann man, als Deutscher, neutral sein, wenn es um Juden und den jüdischen Staat geht? „Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein“ um Ralph Giordano zu zitieren. Aber wie gehen wir mit dieser Schuld um? Welche Verdrängungsmechanismen hindern uns daran, diese Schuld wahrzunehmen und aus dieser Schuld zu lernen? Eine Projektion der „deutschen Schuld“ auf Israel ist jedenfalls kein guter Weg. Es ist auch kein Weg, der uns dazu bringt, aus den Fehlern der eigenen Geschichte und auch aus den eigenen Unzulänglichkeiten, zu lernen. Schaue ich nicht auch, viel zu oft, weg? Mische ich mich ein, wenn schwächere Menschen unter die Räder zu kommen drohen? Jeder soll die Frage für sich selbst beantworten. Alle diese Fragen, den ganzen Kontext einer Geschichte, konnten wir an jenem Abend diskutieren. In Achtung voreinander. Ohne Schuldzuweisungen. Ohne Konfrontation. Das nenne ich eine gute Diskussion. Wie schön wäre es, wenn dieser Ton auch in den Tiefen des virtuellen Netzes herrschen würde. Ich habe, bei der Frage warum sich Christen und Juden getrennt haben, bewusst eine Schilderung der Gegenwart vorgenommen. Über den historischen Kontext gibt es, aus meiner Sicht, Literatur genug. Gerade die Werke von Klaus BergerDie Urchristen“ und die Jesus Biografie kann ich nur ausdrücklich empfehlen. Ich denke es ist durchaus wichtig sich, aus heutiger Sicht, die Frage zu stellen, warum Christen und Juden sich getrennt haben. Der Trennung ist eine gewisse Fremdheit gewichen. Diese Fremdheit lässt sich gerade angesichts der Realität in Israel (und Deutschland) sehr gut diskutieren. Deswegen habe ich Israel ins Spiel gebracht. Sicherlich: Es war kein neutraler Vortrag. Aber es ging nicht darum, dass ich es mir leicht mache. Die Realität in Israel ist eine andere Realität. Eine Realität der Bedrohung. Das klar zu machen, diese Fremdheit und deren Folgen, zu diskutieren ist mir wichtig. Aus dieser Fremdheit kann Neugierde entstehen. Durch diese Fremdheit kann kritisches Denken angeregt werden. Gerade in unserer medialen Spassgesellschaft ist kritisches Denken, aber auch das Einnehmen und Vertreten einer Position, wichtiger als jemals zuvor. Kritisches Denken und das Wahrnehmen von Freiheit müssen eingeübt werden. Jeden Tag neu. Auch und gerade weil es unbequem ist. Das gilt für Israel. Das gilt für Deutschland. Das gilt für Christen und Juden. Da gibt es, abseits der Fremdheit, eine Gemeinsamkeit. Was werden wir mit dieser Gemeinsamkeit anfangen?