Reizworte: Religion – (nur) als Denkmodell ?

Religion scheint heute zu einem Reizwort geworden zu sein. Jedenfalls höre ich ziemlich selten positive Worte über den Wert und Sinn der Religion.

Was ist Religion ? Ist Religion mehr als ein Denkmodell ? Was verbinden Menschen mit dem Wort „Religion“.

Jesus war Jude. Und doch Christ. Jesus sprach in Synagogen. Unglaubliche Reden. Provokationen. Das letzte Abendmal Jesu war ein zutiefst jüdisches Abendmahl. Pessach. Die Freiheit. Der Auszug aus Ägypten. Ohne diesen Hintergrund kann das letzte Abendmahl nicht eingeordnet werden. Jesus war ein christlicher Jude. Oder ein jüdischer Christ. Wo ist das Problem ? Ich habe kein Problem damit.

Womit ich Probleme habe, ist die Vorstellung, Menschen auf eine Religion „festnageln“ zu können. Gibt es „gute“ oder „schlechte“ Religionen ?

Mir ist weniger das Denkmodell, die Gemeinde, der Ort, wichtig. Gibt es noch Orte, reale und festgelegte, Orte, in einer virtuellen Welt ? Wie verändert sich, zum Beispiel, die Bedeutung der Westmauer in einer virtuellen Welt ? Wir können, ausser an Schabbes, zu jeder Zeit, mit einem Mausklick, an der Westmauer sein. Wir können die Westmauer aus drei verschiedenen Perspektiven sehen. Es ist fast so, als würden wir an der Westmauer stehen und beten. Wir können, mitten im virtuellen Raum, eine, stofflich auf Papier gebundene, Bitte zur Westmauer senden. Diese Bitte, aus dem virtuellen Raum, wird ganz stofflich ausgedruckt und in die Ritzen der Westmauer gelegt.

Wichtig an der Religion sind mir einzelne Menschen. Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. Menschen, die durchaus auch ihren Wohnort wechseln, wenn sich interessante Perspektiven, beruflich oder privat, bieten. Wir sind im Kontakt. Ein Klick, zum Absenden einer E-Mail, reicht. In Sekundenschnelle erreicht die Nachricht den geliebten Menschen. Egal, wo dieser Mensch sich aufhält. Welche Bedeutung haben konkrete Orte, an denen sich konkrete Menschen aufhalten, im virtuellen Dorf ?

Was ist eigentlich eine Identität ? Was braucht es dazu ? Nein, ich bin mir meiner Identität nicht sicher. Was habe ich, mit dem Namen im Personalausweis, gemeinsam ? Den Namen eben. Nicht mehr. Ich glaube, Identität wächst, mit der Zeit, mit dem Alter. Identität darf sich auch verändern. Wäre es wirklich gut, wenn wir unsere Lebensmerkmale, ohne Veränderung, ohne Wachsen, immer nur behalten würden ?

Und doch kann ich mir Religion, alleine als Denkmodell, nicht vorstellen. Da würde mir was fehlen. Ich brauche den Siddur, um zu beten. Ich brauche Bibel und Thora, um zu lernen. Da wäre eine virtuelle Ausgabe, für mich, zu wenig. Ich brauche das gedruckte Buch. Das liegt vielleicht in der Kindheit begründet. Gutenacht-Geschichten, von der Mama vorgelesen, gehören zu meinen frühesten Erinnerungen. Die Mama hat so lange gelesen, bis das Kind eingeschlafen ist. Auch im Kindesalter hat die Mama ihren Sohn immer wieder zum Lesen angehalten. Aus dieser stetigen Fürsorge ist ein Bücherwurm entstanden. Ein Leben ohne Bücher wäre für mich unvorstellbar. Ich brauche gedruckte Buchstaben wie die Luft zum Atmen.

Das alles in einer virtuellen Welt. Kann das Internet die Bücher ersetzen ? Meine Antwort lautet „Nein !“

Kann die virtuelle Welt konkrete Religion, das heisst die Ausübung der Religion, ersetzen ? Auch das glaube ich nicht.

Für mich braucht es weniger Orte, an denen Religion ausgeübt wird, Synagogen, Kirchen, die Westmauer, Jerusalem. Das sind für mich eher Symbole. Symbole für Dinge, die ich in meiner Identität, als positiv wahrnehme.

Stille, Freude, Trauer, Lärm, Tränen – aus Freude und aus Leid – ein Jahreskreis aus religiös definierten Tagen.

Und doch sind Menschen das Wichtigste. Ich habe gelernt, dass ich immer wieder Phasen der Einsamkeit brauche. Aber ich brauche auch Phasen, in denen ich mit geliebten Menschen zusammen sein möchte. Ich hoffe, etwas von dieser Liebe zurückgeben zu können.

Jesus. Das Abendmahl. Pessach. Das Ende der Geschichte ? Oder ein neuer Anfang ?