Sterbenszeit als Lebenszeit

Nein, das ist kein Zynismus. Natürlich ist die Sterbenszeit eine finale Zeit. Aber eine finale Zeit muss keine sinnlose Zeit sein.

Diese Tatsache wurde mir gestern wieder bewusst als ich zwei Veranstaltungen von Hospizvereinen besuchte.

Die Hospizidee hat, dem Herrgott sei es gedankt, riesige Fortschritte, auch in Deutschland, gemacht. Der Gedanke eines selbstbestimmten Todes in Würde ist kein Thema, das nur „Experten „ und „dienstlich“ mit dieser Frage Beschäftigen angeht.

Natürlich versuchen wir alle, die wir mitten im Leben stehen, die Gedanken an den eigenen Tod, erst Recht an den Tod von geliebten Menschen, zu verdrängen. Wenn der Gedanke an den Tod das Leben bestimmt, wird es schwierig ein Leben mit der Fülle aller Erfahrungen, der guten wie der schlechten Erfahrungen, zu leben.

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit der Frage eigener Sterblichkeit. Das liegt auch daran, dass ich an Krankheiten leide, die durchaus lebensbedrohlich sein könnten. Und man hat mir schon, mehr als einmal, nahegelegt, meine Dinge zu ordnen, bevor ich nicht mehr in der Lage dazu bin. Nun, ich lebe immer noch. Auch wenn die dunklen Wolken der Krankheit, der Regen einer Depression, die Stürme einer Leukämie, immer wieder über mich hinwegziehen, betrachte ich Wolken, die Regen und Stürme ankündigen, inzwischen als alte Freunde. Es gibt dieses Konzept, nicht nur aus der psychiatrischen Therapie, die Angst und die Depression, wie einen alten Freund zu begrüssen.

Begrüssung: „ Da bist Du ja wieder. Ich habe Dich schon vermisst. Herzlich Willkommen. Aber vergesse bitte nicht wieder abzureisen“.

Was sich merkwürdig anhört kann eine Hilfe sein. Auch mit Hilfe dieser Gedanken kann ich die Wolken, den Regen, die Stürme gelassener betrachten. Das ich manchmal verzweifle ist wohl wahr. Aber die Verzweiflung ist vergänglich.

Menschen in der Hospizbewegung werden mit jeder Begleitung an die eigene Sterblichkeit erinnert. Und diese Menschen wachsen mit jeder Erinnerung.

Nicht umsonst ist ein intensiver Vorbereitungskurs notwendig. Intensiv in Theorie und Praxis. Ich kann sagen, dass ich durch diesen Kurs unendlich viel gelernt habe. Ich habe gelernt, dass es Zeiten für Begleitungen gibt und Zeiten, in den Begleitungen nicht sinnvoll sind. Alles hat eben seine Zeit. Auch diese Gelassenheit wurde mir, beim theoretischen und praktischen Lernen, immer wieder vermittelt. Diese Gelassenheit ist mir, bei aller Ungelassenheit, ein Stück weit „in Fleisch und Blut“ übergegangen.

„In Fleisch und Blut“. Auch so eine Fragmentierung. Blut. Der Gipfel der Unreinheit. Das Blut des Lebens. Eucharistie.

Und das Fleisch ? Nun, das Fleisch ist die Hülle der Seele. Das ist keine Aufforderung unachtsam mit dem eigenen Körper umzugehen. Aber das Fleisch, der Körper, wird zu Staub. Die Seele wird durch Gott geheiligt. Die Seele tritt den Weg in eine andere, in eine bessere Welt an.

Ich mag den kurzen Text der Offenbarung 21:4

Luther Bibel (1912)

und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Textbibel (1899)

Und er wird abwischen alle Thränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Pein; denn das erste ist vergangen.

Luther Bibel (1545)

Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerzen wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

In diesen Worten ist alles gesagt, was Hopizarbeit im besten Falle leisten kann. Nein, die Hospizarbeit kann Gott nicht ersetzen. Aber, im Sinne der Fragmentierung, kann Hospizarbeit ganz viel Last und Trauer von den Sterbenden und deren Angehörigen nehmen. Im besten Falle kann Hospizarbeit die Tränen abwischen.

Im Leben und im Sterben.