Vom Gefühl der Gefühllosigkeit

Eine der unangenehmsten Folgen der akuten Depression ist das Gefühl der Gefühllosigkeit. Das hört sich erst mal paradox an, oder ? Aber leider ist dieses Gefühl nichts zu fühlen reale Realität. Wenn man keine Freude mehr empfinden kann, wenn alles „grau in grau“ ist, wenn es keine Sonnenstrahlen, aber auch keine Wolken mehr gibt, dann zeigt die Depression eine ihrer hässlichsten Fratzen.

Gefühllosigkeit ist natürlich auch, ein Stück weit, ein Schutzreflex. Gerade Menschen mit einer Depression sind oft besonders verletzlich. Um nicht immer wieder tiefer in die depressive Realität zu versinken wird dieser Schutzreflex bewusst eingesetzt. Antidepressiva sorgen für den (nötigen ?) Abstand zur Umwelt. Ein depressiver Mensch fühlt sich wie in Watte gepackt, es gibt keine affektive Schwingungsfähigkeit mehr. Freude und Trauer können nicht mehr empfunden und damit auch nicht mehr gezeigt werden. Oder es gibt ständige, nicht auf realen Umständen beruhende, Gefühlsschwankungen.

Die Gefühllosigkeit ist auch auf den Bereich der Sexualität ausgedehnt. Gegenüber dem Partner/der Partnerin ist ein Mensch, in dieser schweren Phase der Depression, absolut gleichgültig oder kühl distanziert. Zwischenmenschliche Beziehungen, auch Wärme, Zärtlichkeit, intime Kontakte, finden nicht mehr statt. Das wird von vielen depressiven Menschen als besonders belastend empfunden. Würden Menschen ohne eine Depression das anders empfinden ?

Das Gefühl der Gefühllosigkeit ist, wie gesagt, primär ein Markenzeichen der schweren depressiven Episode. Gerade in dieser Zeit versuchen viele Menschen sich das Leben. Macht das Leben, ohne die Perspektive die Freude zurückzugewinnen, einen Sinn ? Ist ein Leben ohne Freude, ohne die ganze affektive Bandbreite, überhaupt lebenswert ? Es gibt auch Menschen die sich Ritzen (auch das habe ich leider getan) um wenigstens ein Schmerzgefühl zu empfinden. Ich habe leider auch dieses Schmerzgefühl nicht empfunden. Auf der anderen Seite ist es gut, wenn das interne Belohnungssystem die Arbeit verweigert. Ohne positive Reize, als Ergebnis des Ritzens, ist dieses Problem oft schnell gelöst. Die Hoffnung, wenn ich das, in diesem Zusammenhang, so sagen darf, stirbt zwar zuletzt. Aber im Falle des Ritzens ist es gut, wenn es keine Hoffnung auf „Erfolg“, auf etwas fühlbares Leben, faktisch nicht gibt.

Ich falle immer wieder in diese Phasen einer schweren Depression zurück. Ich spüre das meistens ein paar Tage vorher. Wenn die gläserne Wand wieder sichtbar wird. Die Wand zwischen meiner Person und der Aussenwelt. Wenn diese Wand „aufersteht“ verschwinden auch die Gefühle. Alles wird unwirklich. Ich erlebe die Realität nicht als Realität, weil ich nicht mehr weiss, was real ist. Dazu kommt noch eine spürbare, fühlbare, Amnesie. Das sieht manchmal so aus das ist auf der Strasse stehe und nicht mehr weiss wohin mich der Weg führen sollte. Deshalb ist es wichtig, einen Hinweis auf den Namen und die Adresse bei sich zu tragen. Mit zunehmender Depressionserfahrung rüstet man sich für diese Fälle.

Als wenn das alles noch nicht genug wäre, kommt ein Gefühl tiefster Erschöpfung dazu. Fatigue Syndrom heisst das heute. Früher sprach man von einer Erschöpfungsdepression. Auch das ist eine Diagnose, die auf meiner Liste steht. Schon der Gang ins Bad, überhaupt das blosse Aufstehen, ist schwierig bis unmöglich. In der Anfangsphase meiner Depressionsgeschichte habe ich nicht mehr getrunken. Letztlich hat mir die Unfähigkeit zu trinken, das Leben gerettet. Ein befreundeter Arzt hat mich rechtzeitig ins Krankenhaus befördert. Gerade noch rechtzeitig.

Und irgendwann ist es vorbei. Die Wolken der Gefühllosigkeit verziehen sich, das Leben, mit allen seinen positiven Seiten, kommt wieder zum Vorschein.

Und doch bleibt die Angst vor der nächsten durchsichtigen Wand. Die Angst vor der nächsten Phase des Gefühles der Gefühllosigkeit.

Meine Depression ist als chronisch eingestuft werden.

Ein wirklich angstfreies Leben (Angst vor dem Rückfall) wird es nicht mehr geben.