Vom Umschreiben einer Biografie

Luise Rinser gehörte zu meinen literarischen Jugendlieben. Besonders die Tagebücher von Luise Rinser habe ich verschlungen. Und, ich gebe es zu, die Literatur (auch von Luise Rinser) hat mich beeinflusst. Damals hegte ich keinen Argwohn gegen die, allzu glatte, Biografie.

Heute ist das anders. Und das kam nicht von selbst. In den letzten Jahren gibt es eine kritische Diskussion über das Leben und Werk von Luise Rinser. In dieser Diskussion und nach dieser Diskussion sieht vieles anders aus.

Luise Rinser war eben nicht (nur) die kritische Regimekritikerin in der NS-Zeit. Luise Rinser hat sich eben auch angepasst und, nach dem Ende der NS-Zeit, ihre eigenen Werke umgeschrieben. Luise Rinser wollte dem verlogenen Zeitgeist im Nazi-Deutschland entsprechen.

Um eines klar zu sagen: Ich verurteile niemanden, der unter der Zumutung einer Diktatur schwach wird und mitläuft. Ich weiss nicht wo ich in einer Diktatur stehen würde. Ich weiss nicht, ob ich Widerstand geleistet hätte oder einfach mitgelaufen wäre. Ich kenne kein Leben in Diktaturen und bin dankbar dafür.

Schwierig finde ich es allerdings, wenn eine Autorin, die sich selbst zu einem Gewissen der Nation erkoren hat, ihre Biografie neu erfindet. Warum konnte sie, wie Millionen anderer Deutscher, nicht zur Verstrickung in die Diktatur leben ? Warum musste eine weisse Weste her ?

„Die zweite Schuld“ der Nachkriegsgeneration ist, neben der Beteiligung an den Mordtaten des NS-Regimes, eben die faktische Fortführung des NS-Gedankengutes. Allen anderen Beteuerungen zum Trotz. Auch Luise Rinser fischte eifrig im tiefen Teich des Antisemitismus. Nun auf der Seite der Friedensbewegung, der linken Antisemiten. Jahrelang habe ich, in meiner Verblendung. Diesen Zusammenhang nicht erkannt. Viele Leserinnen und Leser von Luise Rinser wollen den Zusammenhang bis heute nicht erkennen.

Nochmals: Es geht nicht um Schuld. Selbst dann nicht, wenn Luise Rinser in ihrem „Nordkoreanischen Reisetagebuch“ das Hohelied auf eine andere Diktatur singt. Sieht Luise Rinser nicht, was in Nordkorea passiert, oder hat sie wirklich eine positive Einstellung zu Diktaturen ? Auch zur DDR findet Luise Rinser vorwiegend positive Worte. Woher kommt nur diese Verblendung ? Immerhin: diesen Teil ihrer Biografie und ihres Werkes hat Luise Rinser nicht umgeschrieben.

Wenn ich heute, speziell die Tagebücher, von Luise Rinser lese, wird mir klar wie tief mein eigenes Wertesystem von linker Ideologie geblendet wurde. Und das ist mehr als eine Jugendsünde.

Luise Rinser ist eine ganz normale Autorin im Nachkriegsdeutschland geworden. Vorbei die Zeit der Ikone. Dafür der Abstieg in die Normalität.

Nein, ich hege keine Verachtung für Luise Rinser. Aber ich lese ihre Werke heute mit einer anderen Lesebrille. Verachten wird Luise Rinser, nur wer seiner eigenen Biografie viel zu sicher ist.

rinser4-DW-Kultur-Frankfurt-Main