Eine Woche für das Leben

Der Titel ist missverständlich. Die Woche für das Leben lässt an eine Kampagne gegen die Abtreibung denken. Ein Modethema der Kirchen. Um es gleich zu sagen: Ich bin auch nicht von Abtreibungen begeistert. Schliesslich geht es um das Leben eines Menschen. Aber ich will auch nicht den ersten Stein werfen. Es geht um Notsituationen. Und ich glaube nicht das eine Frau leichtfertig abtreibt. Und schliesslich gehört der Mann genauso in diese Geschichte. Wenn überhaupt von „Schuld“ die Rede sein sollte, dann bitte auf zwei Seiten.

Bei der „Woche für das Leben“ geht es aber eigentlich um das Sterben. Genauer gesagt geht es um die Frage der Sterbehilfe. Was ist erlaubt ? Was ist verboten ? Was ist rechtlich erlaubt und was ich ethisch erlaubt ? Eine politische Diskussion, in die Kirchen sich einmischen. Das ist gut und richtig so. Und es ist längst überflüssig.

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, das Menschen weniger Angst vor dem Tod haben, als vielmehr davor, wie das Sterben aussehen wird. Stichwörter in der Diskussion sind immer wieder Apparatemedizin. Lebensverlängerung, Schläuche, die Leben verlängern. Da ist es gut, eine Patientenverfügung formuliert zu haben. Und doch ist dieser Schritt so schwer, weil er an ein Thema erinnert, das nicht einfach ist.

Mir geht es genau so wie vielen anderen. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Der Tod ist für mich ein Übergang in ein anderes Leben. Der Tod ist nicht unbedingt Drohung. Der Tod kann auch Erlösung sein. Besonders dann, wenn das Leben nur noch aus Leiden besteht. Aber ich gebe zu, das meine Position auch ziemlich egoistisch ist. Aber ich denke nicht, das mich, nach meinen Tod, jemand vermissen wird. Was von mir bleiben soll, wird bleiben. Und alles andere weiss alleine G“tt.

Letztlich ist mein Tod, für mich, nur eine Sache zwischen G“tt und mir. Und ich bin gewiss, in eine andere Welt, in eine bessere Welt, zu kommen. Wenn ich dessen nicht gewiss wäre, hätte ich vielleicht viel mehr Angst vor dem Sterben und vor dem Tod.

Was mich immer wieder traurig macht, ist die Tatsache, dass im Krankenhaus der Tod nicht angenommen wird. Da wird viel zu oft zu viel getan, um den Tod hinauszuzögern. Der Tod wird nicht als Lebensphase, sondern als Gegner, ja: als Feind, betrachtet. Eine solche Medizin ist nicht menschlich, sondern schlicht krank und pervertiert.

Nicht zuletzt werden Tod und Sterben auch gesellschaftlich verdrängt. Wer hat, abseits von Krankenhaus und Pflegeheim, schon einen toten Menschen gesehen ? Die Scheu, ja die Verdrängung, ist in gewisser Weise verständlich. Und doch kann der Anblick eines toten Menschen auch Angst nehmen. Ich habe gestorbene Menschen gesehen, deren Gesichtszüge sich entspannt haben. Endlich war „es“ vorbei. „Es“, das waren Schmerzen, Seelenqualen, mangelnde Zuwendung, ein zuwenig an Gespräch und Seelsorge. Unsere Krankenhäuser mögen hochwertige Medizin anbieten. Technische Effizienz. Aber Liebe, im Sinne von Nächstenliebe, oder auch nur Menschlichkeit, bieten Krankenhäuser kaum noch. Nächstenliebe wird nicht bezahlt um Menschenwürde und Hinwendung, das Akzeptieren der Krankheit, die Akzeptanz der Tatsache, das auch ein Sterbender Mensch noch ein Mensch ist, geht es schon lange nicht mehr.

Solche Rituale wie Sterbezimmer, in denen Menschen in aller Ruhe Abschied nehmen können, Rituale wie das Anzünden einer Kerze, damit der Verstorbene den Weg in die andere Welt findet, das Ritual, ein Fenster zu Öffnen, damit die Seele des Verstorbenen das Zimmer verlassen kann, sind immer weniger bekannt. Ich hatte das Glück, so etwas noch erleben zu dürfen. In diesem Falle war der Tod eine Erlösung.

Nach dem Tod ist es wichtig, das die Familienangehörigen nicht alleine bleiben. Wenn Bedarf besteht, gibt es örtliche Hospizvereine und Gesprächskreise. Es gibt auch die Einrichtung des Trauercafès. Dort können Menschen hinkommen, ohne etwas tun zu müssen. Einfach rauskommen aus der Einsamkeit der Trauer. Darum geht es. Wenn Trauer zu einem Rückzug führt, und das auf Dauer, ist Vorsicht geboten.

Es gibt keine „Faustregel“ wie lange Trauer andauern darf und soll. Jeder Mensch ist verschieden und Trauer kann viele Gesichter haben. Da ist es wichtig aufgefangen zu werden, mit den Pflastern auf der Seele, mit der Erinnerung, mit dem Nicht-geklärten, mit dem Gefühl der Schuld, nicht alleine gelassen zu werden.

Ich wünsche mir, das dieser kurze Abriss verschiedener Themen in der Woche für das Leben zur Sprache kommen. Dann kann diese Woche zu einem Baustein werden. Zu einem Baustein, der Angst abbaut, und Gewissheit gibt, im Leben und im Sterben nicht alleine zu sein.