Gelesen: „Mein gelobtes Land“

Es ist ein Buch das man kaum aus der Hand legen will. „Mein gelobtes Land“. Ein Titel, den ich gerne unterschreibe. Es geht um Israel. Auf fast 600 Seiten schreibt Avi Shavit über die Geschichte und die Gegenwart dieses kleinen, grosses, Landes.

Das Buch spannt sich von der Einwanderung seines Urgrossvaters Herbert Bentwich ins Heilige Land. Die Geschichte spielt im Jahre 1897. Auf den folgenden Seiten schildert Avi Shavit den Beginn der Besiedelung eines Landes, das nicht leer war. Die Besiedelung eines Landes, das in einem urtümlichen Zustand, im schlechtesten Sinne des Wortes, war. Stichworte sind hier Malaria und Sümpfe.

Die Geschichte geht weiter über die Siege und Niederlagen Israels, über die Kriege, die Siedlungsbewegung nach 1967, die Shavit in deutlichen Worten kritisiert, bis hin zu den wilden Partys in Tel Aviver Clubs in der heutigen Zeit.

Shavit spannt den Bogen von 1897 in eine ungewisse Zukunft. Die Bruchstellen in der israelischen Gesellschaft, die Bedrohung durch den Iran, die ungelösten Konflikte an den Grenzen im Norden (Hisbollah) und im Süden (Hamas).

Shavit zieht auch eine ehrliche Bilanz der Friedenspolitik vor, während, und nach der Rabin Zeit. Er ist, das kann man herauslesen, frustriert und mit wenig Hoffnung, was den Fortgang eines Prozesses angeht, der das Wort „Frieden“ nicht verdient hat. Besonders intensiv schildert Shavit den Rückzug Israels aus dem Gazastreifen (den er für richtig hält) und dessen Folgen. Der Gazastreifen wird von einer islamistischen Terrororganisation (Hamas) übernommen, die nicht nur „Kollaborateure“ in den eigenen Reihen hinrichtet, sondern den Süden Israels mit Raketen terrorisiert. Der Abzug, so Shavit, ist zu einem Fanal geworden. Die Hoffnung, das die Palästinenser auf die Geste Israels mit einem Zeichen des guten Willens antworten, ist nicht nur enttäuscht worden. Vielmehr wurde die Situation schlimmer. Ernüchterung.

Avi Shavit Jahrgang 1957, ist Reporter und Kolumnist bei der israelischen Tageszeitung Haaretz und war Vorsitzender der Bürgerrechtsorganisation Acri.

Autor-Ari-Shavit

Ich dachte schon, das Shavit mit regelrechten Hasstiraden gegen die Siedlungen, die er für fatal hält, anschreiben würde. Das Gegenteil ist der Fall. Shavit bringt seine ablehnende Haltung zum Ausdruck, schreibt aber auch, er sei „kein Richter“. Er erzählt die Geschichte der Siedlungen, geht den Lebensläufen von Yoel Bin Nun, Pinchas Wallerstein und Yehuda Etzion nach. Er beschreibt, in dichten Worten, die Stimmung in Ofra, der ersten Siedlung dieser Art. Aber das alles geschieht emotionslos, in einer Weise, die nicht verurteilt, nicht richtet, sondern einfach eine Geschichte erzählt.

Überhaupt sind, für mich, das Kernstück dieses Buches die Lebensgeschichten der Israelis. Es sind oft Geschichten von Flucht und Vertreibung, aber auch Erfolgsgeschichten. Die Zukunft, so Shavit, liegt nicht in Jerusalem. Sie liegt im Küstenstreifen von Tel Aviv, im technologischen Zentrum des Landes, in Herzliya. Wer schon einmal von Tel Aviv nach Herzliya gefahren ist, hat die vielen Start-Ups, die wie Pilze aus dem Boden schiessen, im Gedächtnis. Hier schliesst sich ein anderes Buch mit dem Titel „Start-Up Nation Israel“ an. Die Zukunft Israels, so Shavit, liegt in den neuen Technologien, im Bereich der Computertechnik, der medzinischen Forschung, der Sicherheitstechnik, der Umwelttechnik.

Ich gebe zu, das ich viele der Ansichten von Avi Shavit teile, vor allem was die Zukunftsfaktoren Israels angeht.

Trotz des etwas düsteren Schlusskapitels „Existenzielle Herausforderungen“, das sowohl aussenpolitische Gefährdungen, als auch Gefahren in der Innenpolitik, schildert, ist Shavit der Meinung, das Israel sich neu erfinden muss. Und das Israel sich neu erfinden wird. Wie schon so oft.

Avi Shavit ist es gelungen auf fast 600 Seiten eine spannende Geschichte zu erzählen. Über weite Strecken ist das Buch spannender als jeder Krimi von Batya Gur (ich habe diese Kriminalromane verschlungen).

„Mein gelobtes Land“ ist ein gutes Beispiel dafür, das Geschichte spannend sein kann, wenn sie gut erzählt wird. Das Buch ist auch  ein Beispiel dafür, wie Wissensvermittlung und spannende Erzählung ineinander übergehen können.