Vatergefühle

Vatergefühle ? Ehrlich gesagt bin ich mir nicht so sicher, ob es bei meinem Vater Gefühle gibt.

Er gehört einer Generation an, die mit dem Selbstbild aufgewachsen ist, das Leistung (um jeden Preis ?) erbracht werden muss und das Geld die wichtigste Sache auf der Welt ist. Gefühle durfte es da nicht geben, schon gar nicht zwischen Vater und Sohn.

Ich gebe zu, das ich die blosse Anwesenheit meines Vaters nur schwer ertrage. Jetzt, im fortgeschrittenen Alter, scheint er festzustellen, das Geld vielleicht doch nicht alles war. Das Geld keine wirkliche Zufriedenheit gibt. Das Geld keinen Seelenfrieden gibt.

Materiell, das stimmt, hat mein Vater einiges aufgebaut. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Ergebnisse des Aufbaus lassen sich sehen, wenn man durch die Stadt geht. Und, ja, er hat seiner Familie ein Zuhause im baulichen Sinne des Wortes gegeben.

Und doch scheint mir dieses Zuhause so leer zu sein, wie die innere Existenz meines Vaters. Ein grosses Haus, vollgestellt mit Statussymbolen, die einen Status zeigen, der Gefühls-leer und irgendwie krank ist.

Ich wünschte mir als Kind so oft, das mein Vater sich Zeit für mich nimmt. Er hat es nur sehr selten getan.

Diese Geschichte ist auch ein Stück meiner eigenen.

Und heute will ich seine Zeit nicht mehr, ertrage ich seine Anwesenheit kaum.

Ich habe von meinem Vater einiges abbekommen. Eigenschaften wie Geradlinigkeit, Leistungswille, Durchsetzungsfähigkeit, Arroganz, Selbstbezogenheit.

Nein, ich werfe meinem Vater nicht vor, das er mich krank gemacht hat. Aber seine vererbten Eigenschaften haben sicherlich dazu geführt, das ich ein Einzelgänger wurde und das ich Projekte, für die ich brannte, immer wieder abgerissen habe. Selbstbezogenheit, Arroganz. Immer wieder.

Im Gegensatz zu meinem Vater, der nie etwas um Bücher gegeben hat, bin ich ein Leser geworden.

Im Gegensatz zu meinem Vater, der nie politisch war, bin ich ein Homo Politicus geworden.

Im Gegensatz zu meinem Vater, der ein Leben lang konserativ ist, bin ich ein Grüner geworden.

Das alles ist sicherlich auch ein Stück Abgrenzung, ein Stück Weiterentwicklung, ein Stück Freiheit, das eigene Leben zu finden und zu leben.

Was bleibt ? Liebe, nicht einmal Zuneigung, bestenfalls begrenzte Toleranz, kann ich meinem Vater entgegenbringen.

Und doch sind wir Interpreten eines Narratives.

Es ist das Narrativ einer ganz gewöhnlichen Familie.

Wirklich ?