Ohne Worte. Ein Bericht aus dem Jahre 2003

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35 bis 40 Menschen sterben in Israel jede Woche eines unnatürlichen Todes. Im äußersten Ernstfall aber sind es zwei Dutzend in einer einzigen Sekunde. Auf Meschis Geräten und auf den Geräten aller Zaka-Leute im ganzen Land blinkt dann nur ein Wort: Pigua. Und es geht nicht mehr nur um Puppen. Pigua, das lässt sich nicht übersetzen in einem Wort. Pigua heißt Terror, Bomben, Blut. Es heißt Hölle und Israels Angst. Pigua ist der Alltag des Landes, seit vor drei Jahren die zweite Intifada der Palästinenser begann. Die Liste der Attentate seitdem füllt 50 eng bedruckte Buchseiten, 600 Posten, es stechen Namen heraus, die zu Weltnachrichten wurden wegen der schieren Zahl der Opfer: Ben-Jehuda-Straße. Park Hotel Netanja. Delfinarium Tel Aviv. Pizzeria Sbarro. Cafeteria Frank Sinatra. Mahane-Jehuda-Markt. Café Hillel.

26-mal in den vergangenen drei Jahren wählten die Heckenschützen und Selbstmordbomber des Dschihad Busse und Bushaltestellen als ihre Ziele, Busse, deren Nummern in Israel jedes Kind hersagen kann. Sie wurden mit Gewehrkugeln und Granaten beschossen, mit Autobomben attackiert oder von Selbstmördern aus dem Inneren gesprengt. Der 189er nach Samaria. Der 830er nach Tiberias. Der 823er nach Nazareth. Der 6er, der 25er, der 14er auf Stadtfahrten durch Jerusalem.

Am 19. August um 21.15 Uhr traf es nördlich des Jerusalemer Zentrums den 2er Bus. Der Terrorbomber der Hamas zündete seinen Fünf-Kilo-Sprengsatz am Kreisverkehr zwischen Sachs-Straße und Schmuel Hanawi, riss 23 Menschen mit sich in den Tod und verwundete 130. Auch zu diesem Tatort machte sich Jehuda Meschi-Sahaw auf. Jede Pigua, sagt er, ist unbegreiflich grauenhaft. Aber der 2er Bus schnitt ihnen allen noch tiefer als sonst in die Seele.

Der 2er Bus kam von der Klagemauer in der Altstadt, strenggläubige Juden kehrten heim von ihren Gebeten, mit ihren Kindern, heim nach Mea Schearim, ihrem Stadtteil, dessen Straßen aussehen wie die Filmkulisse eines alten Schtetl, es ist das orthodoxe Zentrum Israels, wo auch fast alle Zaka-Leute aus Jerusalem zu Hause sind.

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