Fremde Feder zum Poststreik

Dieser Brief bleibt erst mal liegen

Von den Piloten und Lokführern war ich nur genervt. Warum ich mich nun mit den streikenden Postboten solidarisiere.

EIN KOMMENTAR VON 

Liebe Paketboten,

ich habe in letzter Zeit häufig über Streiks geschrieben. Ob Erzieherinnen, Lokführer oder Piloten, ständig legt ja irgendwer einen Teil des öffentlichen Lebens lahm. Die Wut, die mich zuweilen packte, wenn wieder ein paar Tausend Unzufriedene Millionen Pendler, Urlauber oder Eltern in den Wahnsinn trieben, habe ich in meinen Artikeln nicht verhohlen. Den gut bezahlten Kapitänen der Lufthansa etwa warf ich vor, es ginge ihnen um die Kirsche auf der Torte, die Torte hätten sie schon. „Ihr nervt!“, rief ich den Lokführern der Bahn zu, ihrem Anführer Claus Weselsky unterstellte ich, einen „ganz persönlichen Krieg“ zu führen. Die Streiks der Piloten und Lokführer kamen mir maßlos und machtversessen vor. Manche Leser halten mich seither für eine militante Gegnerin von Gewerkschaften.

Nun legt also auch ihr die Arbeit nieder, liebe Briefträger und Paketboten. Seit Anfang der Woche streikt ihr unbefristet. Das hat es seit der Postreform von 1994 nicht mehr gegeben. In den Verteilzentren stapeln sich Millionen Briefe und Pakete bis unter die Decke. Behördenbescheide kommen verspätet an, Kündigungen für Fitnessstudios und Mobilfunkanbieter treffen nicht fristgerecht ein, Geburtstagspräsente bleiben liegen. Ihr weigert euch einfach, sie auszuliefern.

Und wisst ihr was? Ihr habt recht!

(…)