„Der Tod der Crescentia Pirckheimer“

Da stirbt ein Mensch. In einer anderen Zeit. Albrecht Dürer brachte dieses Meisterwerk auf Pergament. Es war das Jahr 1504. Eine sichtlich junge Frau stirbt vor „ihrem Alter“. Selbst in Zeiten wie jenen des Jahres 1504. Crescentia Pirckheimer heisst diese Frau. Aber das tut nichts zur Sache. Wir befinden uns in einer Zeit, in der Intensivmedizin, Sterben im Krankenhaus, Lebensverlängerung, Palliativ Care und andere fragwürdige Praktiken noch nicht erfunden waren. Es ging nicht darum, Leben künstlich zu verlängern. Denn der Tod war eine Sache zwischen G“tt und dem Menschen. Wie konnte man G“tt in den Tod hineinreden ?

Schauen wir uns das Bild genauer an. Die Sterbende hat in der einen Hand eine Kerze, in der anderen Hand das Kreuz. Der letzte Weg sollte beleuchtet sein und im Schutze des Kreuzes stattfinden. Das war im eigenen Bett, umgeben von der Familie und dem Priester. Sie wachten bei der Sterbenden, gaben dem Gesicht kühles Wasser. Wäre eine solche Situation, ein solches Bild, in den Gesundheitsfabriken der heutigen Zeit denkbar ? In einer medizinisch sterilen Welt, in der Tod und Sterben zum Feinde gemacht werden ?

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Wer nicht gerettet werden kann, stirbt, viel zu oft, alleine. Ohne eine wärmende (oder kühlende) Hand, ohne Beistand durch die Familie, ohne geistliche Wegweisung. Soviel zur Humanität unserer Zeit. Eine Humanität, die Einsamkeit voraussetzt. Der Sterbende darf doch kein Rädchen im Getriebe sein.

Crescentia Pirckheimer lebte in einer anderen Welt. Sie ahnte nichts von den „Neuerungen“ der „modernen“ Medizin. Dafür war sie sich bewusst, nach dem Tode nicht alleine zu sein, sondern in eine bessere Welt hinüberzugehen. Ein festes Vertrauen auf g“ettliche Wegweisung.

Ich bemerke immer wieder, das Menschen mit starkem religiösem Fundament, dem Tode, in gewisser Weise, gelassener entgegen sehen (und gehen).

Aber auch Menschen mit einem eher religionsfernen Leben wünschen sich im Sterben religiösen Beistand. Das ist völlig in Ordnung. Niemand darf danach beurteilt werden, wie wenig, oder wie viel, religiöse Praxis sein Leben bestimmt hat. Ich kenne Menschen, die haben, abseits der Religion, ein Leben geführt, das religiöse Werte in den Mittelpunkt stellte. Und es gibt auch das Gegenteil. Religiöse Menschen sind nicht, per Dekret, bessere Menschen.

Ohnehin hat diese Frage keine Berechtigung mehr im Sterben. Jeder Mensch hat einen Anspruch auf einen würdevollen und gesegneten Tod. Egal, wie sein Leben ausgesehen hat.

Also die Welt der Crescentia Pirckheimer und die heutige Welt. Sind wir, mit aller unserer Medizin, wirklich weiter und humaner, näher an Leben und Tod, näher am Menschen ? Oder verdrängen wir nicht den Tod um eines unbefriedigten Lebens willen ?

Der Tod von Crescentia Pirckheimer hat für mich etwas tröstendes.

Wie werde ich sterben ?