Jenseits der Angst

Der Film ist nicht einfach. Aber es gelingt den Filmemachern, von der ersten bis zur letzten Minute, nachdenkliche Stimmung zu erzeugen. Und das ist nicht wenig in einem Meer von Nebensächlichkeiten und roher Action. Nein, der Grenzgänger ist kein Freund von Filmen. Wann war der Grenzgänger das letzte Mal im Kino ?

Der Film beginnt mit der Ermordung von Yitzhak Rabin am 04. November 1995. Es war das Ende einer Friedenskundgebung. Tel Aviv. Damals Platz der Könige Israels. Heute Yitzhak Rabin Platz.

Der Mörder heisst Yigal Amir. Sein Name ist wohl bekannt.

Weniger bekannt ist der Name Larisa Trembovler. Larisa ist eine Einwanderin aus Russland. Larisa ist intelligent und charismatisch. Sie trägt einen Doktortitel in Philosophie. Was, in  aller Welt, trieb Larisa dazu, Yigal Amir zu heiraten ? Nun, in diesem Film wird deutlich, das Larisa die geistige Klarheit, den unbedingten Willen, die unbeugsamen Prinzipien, des Yigal Amir faszinieren.

Für Larisa sind diese Eigenschaften so wichtig und charismatisch, das sie mit Yigal Amir ein Kind zeugt. Zuvor, im Jahre 2004, heirateten Yigal Amir und Larisa Trembovler im Gefängnis. Am 24. Oktober 2006 wurde Yigal Amir und Larisa Trembovler erlaubt einen „unbeaufsichtigten ehelichen Besuch“ durchzuführen. 5 Monate später wurde bekannt, das Larisa schwanger ist. Am 28. Oktober 2007 gebar sie einen Sohn.

Der Film zeigt Yigal Amir in der Rolle des liebevollen Familienvaters, der, vor dem Schlafengehen, seinem Sohn Yinon biblische Geschichten erzählt. Nichts kann weiter entfernt sein vom Yigal Amir, der hasserfüllt war und den dieser Hass schliesslich zu einem Mord geführt hat. Deutlich wird, das Yigal Amir eine multiple Persönlichkeit ist. Yigal Amir ist kein Monster. Eher ein getriebener, der bereit war, für seine Ideale zu sterben. Das diese Bereitschaft, in gewisser Weise, krank ist, lässt sich nicht bestreiten.

Es geht dem Film nicht um eine moralische Abrechnung. Das ist wohltuend. Vielmehr zeigt der Film das Leben von Larisa Trembovler nach der schrecklichen Tat ihres Mannes. In manchen Szenen des Filmes hat man den Eindruck, das Larisa Trembovler eine „ganz normale orthodoxe Frau“ ist. Vier Kinder, eine religiöse Erziehung, züchtige Kleidung. Die Westmauer in Jerusalem, besucht von Larisa mit ihren vier Kindern.

Ich denke, unser Film will nicht bewerten. Er beobachtet, ist wenig spektakulär (was ich sehr positiv finde). Der Film erlaubt uns einen Blick hinter die Mauern der Angst. Unser Film macht auch deutlich, das manches Verhalten, rein rational, nicht zu verstehen ist. Es geht um Werte, Charaktereigenschaften, die Bedeutung von Leben und Tod. Letztlich geht es auch um Verblendung und den Missbrauch der Religion zu Zwecken, die religiös nicht zu definieren sind.

Alles in allem ein nachdenklicher Film, der hinter die gewohnten Blickwinkel schaut.

Nein, verstehen kann ich Larisa Trembovler nicht. Ich lebe einfach in einer anderen Welt, mit anderen Werten.

Jeder mag sich ein eigenes Bild machen. Den Film anzuschauen lohnt sich auf jeden Fall.