Ein zweites Seveso ?

Am 10. Juli 1976 kommt es im Chemiewerk ICMESA im oberitalienischen Seveso zu einer Explosion, bei der eine große Menge des hochgiftigen Stoffes TCDD (Dioxin) freigesetzt wird. Tagelang schwebt die tödliche Wolke über dem Ort und seinen rund 8000 Einwohnern. Es vergehen zehn Tage, bis die Öffentlichkeit von der Firmenleitung über die von dem Giftgas ausgehenden Gefahren informiert wird. Die Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung laufen dadurch viel zu spät an.

Erleben wir derzeit in Tianjin (China) eine Wiederholung dieser Katastrophe ? 700 Tonnen Natriumcyanid waren in Tianjin gelagert. Der WELT Autor Norbert Lossau nennt dieses Gebräu, völlig zu Recht, ein „Teufelszeug“. Niemand weiss ganz genau, welche Schäden dieser Stoff haben wird. Vielleicht werden sich die Schäden erst in Jahren oder Jahrzehnten exakt bestimmen lassen. In Tschernobyl lassen sich die Schäden auch erst langsam abschätzen. Schwerbehinderte Kinder (um es vorsichtig auszudrücken) sind eine Folge von Tschernobyl, die noch lange anhalten wird.

Die Regierung in Peking versucht, mit ihrer Politik der Verharmlosung, das „Problem“ klein zu reden. Aber auch die Einschüchterung von missliebigen Internetaktivisten wird das Aussmass der Katastrophe nicht verharmlosen können.

50 Webseiten wurden bestraft, weil sie angeblich Gerüchte oder unbestätigte Informationen veröffentlicht und damit Panik ausgelöst hätten. Auch wurden Webseiten bestraft, weil sie Nutzern ermöglicht hätten, „unbegründete Gerüchte“ zu verbreiten. Die Internetaufsicht warnte laut Xinhua, sie verfolge für solches Verhalten eine „Null-Toleranz“-Linie.

Die Regierung in Peking hat immer noch nicht verstanden, das sich die Wahrheit, im virtuellen Zeitalter, nicht mehr zensieren lässt. Auch Einschüchterung und Gefängnisstrafen werden die Aktivisten der Wahrheit nicht zum Schweigen verurteilen. Selbst das Archipel Gulag hat es nicht geschafft, Alexander Solschenizyn daran zu hindern, die Wahrheit über das verbrecherische System der Sowjetunion zu berichten. Die Schriften Solschenizyn’s könnten für die Führung in Peking eine lohnende Lektüre sein.

Die Wahrheit über Tianjin wird an die Öffentlichkeit kommen. Im virtuellen Zeitalter lässt sich die Wahrheit (auch) nicht an grossen Mauern stoppen.