Erschöpfung und Gewissheit

So eine Depression kann ganz schön anstrengend sein.

Im wahrsten Sinne des Wortes.

Kleinste Kleinigkeiten benötigen grosse Anstrengungen.

Selbst das Aufstehen, das Essen, das Trinken sind ungeheure Anstrengungen.

Inzwischen verstehe ich warum depressive Menschen, in der Nähe einer Wasserflasche, verdurstet sind. Der Gedanke, Wasser trinken zu wollen. Der Entschluss, Wasser trinken zu wollen. Die Bewegung zur Flasche. Das Halten der Flasche. Der dumme Deckel. Die Bewegung der Flasche zum Mund. Das Schlucken des Wassers.

Ausserdem ist da noch die Frage, ob Tod durch Verdursten schlimmer ist als Weiterleben ohne Verdursten. Weiter-Leben oder Endlich-Weiter-Sterben ?

Wie fühlt sich das an ?

Bei mir fühlt sich das nach Gar-Nichts an. Das Leben hat kein Gefühl. Deshalb ritze ich mich manchmal. Um mich zu spüren. Ich ritze mich immer weniger. Weil ich auch mit Ritzen nichts spüre. Wie war das – Spüren ? Habe ich (mich) jemals – gespürt ?

So ein Leben ohne Spüren, ohne die Idee von Gefühlen, ohne die Aussicht auf Gefühle, ist ganz schön leer. Also dich verdursten ?

„Sterbefasten“ nennt sich das. Im Zusammenhang mit Krankheit, Tod und Sterben. Im Zusammenhang mit lebensbedrohlichen Zuständen. Aber ist eine Depression, eine Sinnlosigkeit im Leben, nicht auch eine Indikation ?

Bei der Beschäftigung mit dem Sterbefasten wurde mir jedenfalls klar, dass diese Option nicht mit Angst erfüllt sein sollte. Es ist eine Option. Ganz am Ende zwar. Aber selbstbestimmt.

Wie ist das mit der Selbstbestimmung bei physisch kranken Menschen ?

Nein, ich hätte keine Angst. Auch nicht beim Thema Sterbefasten.

Immer finden sich helfende und behütende Hände. Daran habe ich keinen Zweifel.

Und es gibt die moralisierenden Kritiker. Diesen Kritikern halte ich entgegen, das sie erst urteilen sollten, wenn sie in der gleichen Lage wie Sterbenskranke oder physisch Kranke sind. Verurteilen lässt sich leicht. Wie sieht diese Entscheidung im „Ernstfall“ aus ?

Und ja, ich glaube das G“tt keinen Menschen verurteilen wird, der das hiesige Leben nicht mehr erträgt. Menschen verurteilen. G“tt verurteilt nicht. Denn er ist ein liebender G“tt, dem Schmerzen und Verzweiflung nicht fremd sind.

Auch er ist verzweifelt und hat einen Tod gewählt, der letztlich eine Auferstehung war. Ein Tod der Liebe, der den Tod überwunden hat.

Nein, ich will keinen Menschen mit G“tt gleichstellen. Ich möchte nur sagen, warum ich an G“ttes Gnade glaube.

Das Licht des liebenden G“ttes ist unser Licht. Wir müssen nur schauen und glauben.

Oft denke ich an den G“tt, der seinem Volk in der Feuersäule voranging. Das Volk G“ttes zog von der Sklaverei Ägyptens in die Freiheit des Heiligen Landes. Es wurde nicht finster. Auch nicht in den Seelen. Den G“tt war da. Sichtbar. Physisch. Das Gesicht konnte sein Volk nicht sehen. Aber die Feuersäule, welche die Nacht erhellte. Welches Licht kann heller sein ?

Gerade in der tiefen Verzweiflung. Gerade im Nicht-mehr-Wollen sehen wir das helle und tröstende Licht G“ttes. Wenn wir das Licht denn zulassen. Es ist unsere Entscheidung. Für mich bedeutet die Entscheidung „JA“ zu sagen, eine grosse innere Freiheit.

G“tt schützt die Menschen, die ihm nachfolgen.

Auf allen unseren Wegen.

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