Lifelogging und die Folgen

Lifelogging ist schon längst kein Fall für Menschen mit einem Kontrollwahn mehr. Lifelogging setzt sich immer mehr durch, in allen Lebensbereichen. Und die Befürworter von Lifelogging lassen nicht den kleinsten Zweifel an ihrer Hype zu.

Das Buch von Stefan Selke lässt tief blicken in den Wahn einer sich immer mehr selbstvermessenden Gesellschaft.

Das Problem dabei ist: Immer mehr Daten setzen immer mehr Menschen unter immer mehr Druck. Und wenn der Druck immer grösser wird, wird auch die Sammelwut immer grösser.

Ich muss gestehen, das ich, vor nicht allzu langer Zeit, auch dem Wahn des Lifeloggings verfallen bin. Genauer gesagt: Ich habe mich selbst verfallen lassen.

Es fing an mit einem Schrittzähler der Deutschen Herzstiftung. Mehr Bewegung schadet doch nicht. Und wenn das Gerät dann noch von der Deutschen Herzstiftung ist ? Ich schaute immer öfter auf das Gerät, teilweise mehrmals stündlich. Und ich wurde immer unzufriedener. Nur 8999 Schritte ? Wie kläglich. Ich musste doch die Vorgaben erfüllen. 10.000 Schritte sind doch das mindeste. Mit jedem verfehlten Ziel, mit jeder nicht erfüllten Vorgabe, wurde ich unzufriedener. Ich hatte das Gefühl versagt zu haben.

Dann kam irgendwann eine Waage hinzu. Nicht irgendeine Waage. Das gute Teil konnte an den Computer angeschlossen werden und zeichnete dann nette Kurven. Jeden Morgen, teilweise mehrmals täglich, stieg ich auf die Waage. Und wurde immer unzufriedener. Das Gewicht stagnierte, es schwankte nach oben und nach unten. Ein klarer Trend war nicht zu erkennen.

Mit der Zeit wurde ich immer unzufriedener mit mir. Die Vorgaben konnte (oder wollte ?) ich einfach nicht erfüllen. Ich fühlte mich regelrecht als Versager. Nur weil die Werte nicht passten.

Irgendwann reichte es mir. Ich wollte, neben den anderen Erkrankungen, nicht auch noch an einer Zwangsstörung leiden. Dazu kann Lifelogging nämlich auch führen.

Und, nein, ich will mein Leben nicht aufzeichnen. Ich bin zwar ein Informationsjunkie (immer noch). Aber ich habe kein Interesse daran, mir selbst oder anderen in 100 Jahren einen Einblick in mein Leben zu gewähren. Was war, das war und wird hoffentlich nicht wiederkommen.

Aber ist das Weblog nicht auch eine Form von Lifelogging ? Vielleicht ist das so. Aber mit dem Weblog habe ich die Chance, mir allen Ärger vom Leib zu schreiben (1) oder Position zu beziehen (2) oder mir allen Ärger vom Leib zu schreiben und Position zu beziehen (1 und 2). Insofern ist das Bloggen auch ein Stück weit Therapie.

Und wie ist das mit Twitter und Facebook ? Sind das nicht andere Formen von Liflogging ? Vielleicht. Aber ich habe über Facebook und Twitter interessante Menschen (in der realen Welt) kennengelernt, die zu Freunden (in der realen Welt) geworden sind. Ich schaue mir die Facebook Timeline oder mein Twitter Archiv selten an. Insofern scheint Facebook und Twitter eher eine Möglichkeit zu sein, mit Freunden in Kontakt zu bleiben.

Wir hinterlassen alle virtuelle Spuren in unserem Leben. Accounts und Weblogs leben weiter, wenn wir schon längst tot sind.

Also doch eine Form von Lifelogging ? Wahrscheinlich schon. So ganz verschliessen kann sich der Grenzgänger dem Lifelogging doch nicht. Wer kann das in unserer Welt schon ?

In der heutigen Welt ohne Internet zu leben stelle ich mir wirklich schwierig vor. Da würde schon etwas fehlen. Internet ist halt praktisch. Mehr allerdings auch nicht. Es gibt ein Leben nach dem Internet. Aber das ist ein Thema für ein weiteres Posting.