Vater’s Drama

Mein Vater wird bald 80 Jahre alt. In der heutigen Zeit ist das kein Alter. Die körperlichen Einschläge sind das kleinere Problem. Viel heftiger sind da Depression, Stimmungsschwankungen, Unlust und, in der letzten Zeit verstärkt, wohl ein Verarmungswahn.

Früher ist der Vater schon jedem Sonderangebot nachgelaufen. Immer wurden die Werbeblättchen auf Sonderangebote geprüft. Und dann ging es schnell in den Laden. Das Sonderangebot könnte schnell ausverkauft sein. Was aber so gut wie nie der Fall war. Aber es könnte ja mal.

Und Interessen hat mein Vater auch nicht. Eigentlich interessiert ihn gar nichts. Bis auf den Sport. Deshalb sitzt mein Vater auch stundenlang vor dem Fernseher.

Gut, mit dem Laufen klappt es nicht mehr so gut. Er ist immerhin fast 80 Jahre alt. Die Supermärkte der Umgebung sind gut per Bus erreichbar. Wir sind bestens ans ÖPNV Netz angeschlossen.

Neben den Supermärkten ist Vaters neues Hobby der Besuch von Ärzten. Da können die Ärzte auch noch so häufig betonen das Vater sich bester körperlicher Gesundheit erfreut. Gut, ein bisschen Rückenschmerzen. Aber das haben auch jüngere Menschen.

Nein, körperlich ist alles in Ordnung. Die Psyche ist das Problem.

Ich habe schon Termine beim Psychiater ausgemacht. Und in der Gerontopsychiatrie. Die Oberärztin ist eine gute Freundin.

Zu diesen Ärzten will mein Vater aber nicht gehen. Kurzfristig musste ich die Termine absagen. Selbstständig macht mein Vater diese Termine nämlich nicht. Das wäre ja Neuland und Neuland ist böse. Und überhaupt: Wer geht schon zum Psychiater ? Auch das ist wohl eine Krankheit älterer Menschen. Ein Besuch beim Psychiater ist verrucht. „Ich bin doch nicht bekloppt“ ist das Motto nicht nur meines Vaters. Als ob es darum ginge. Auch das der Sohn zum Psychiater geht ist da kein Argument.

Das ich krank bin wird natürlich auch nicht akzeptiert. Dass bisschen Depression. Und Panikattacken hat ein Mann auch nicht. Und Epilepsie ist der Weltuntergang. Manchmal habe ich das Gefühl mein Vater ist viel kränker als ich selbst.

Er leidet an täglicher Verdrängung. Wie so viele Menschen. Lieber klagt er herum und macht seinen Mitmenschen das Leben schwer.

Meine Mutter ist übrigens Fit wie ein Turnschuh. Sie ist auch schon über 70 und hat nur einmal einen Arzt gesehen. Das war, als ich geboren wurde. Das war 1969. Und auch dieses Grossereignis hat nicht im Krankenhaus stattgefunden, sondern Zuhause.

So unterschiedlich können Eltern sein.