Trauer oder Pflicht ?

21934

Israel trauert um Yitzhak Rabin. Auch 20 Jahre nach dessen Ermordung sind die Wunden nicht verheilt. Ganz im Gegenteil. Das Land trauert eine ganze Woche lang. Heute Abend findet der Höhepunkt der Trauerwoche (nicht zu verwechseln mit der Shiwa) statt. Die jährliche Kundgebung auf dem Tel Aviver Rabin Platz. Auf diesem Platz, der bis November 1995 den Namen „Platz der Könige Israels“ hat, versammelt sich die gesamte Staatsführung und auch Tausende Menschen, vorwiegend aus der linken Fraktion, werden anwesend sein. So wie in jedem Jahr.

Ehrlich gesagt frage ich mich schon, ob diese Trauerkundgebung nicht zur reinen Pflichtveranstaltung wird. Ist das Gedenken ein Gedenken um des Gedenkens willen ? Oder ein Event, in dem Gemeinsamkeit erprobt wird, und das bitteschön sinn frei ? Vielleicht ist das alles auch ungerecht.

Gerade in diesen Tagen des allgegenwärtigen Terrors könnte Israel einen Yitzhak Rabin mehr denn je gebrauchen. Rabin hatte die nötige Weitsicht, die nötigen Visionen für den Nahen Osten. Und doch, auch das sollte festgehalten werden, war Rabin kein verwandelter Engel. Er war ein Politiker, der Weitsicht bewiesen hat. Das ist viel in diesen Tagen. Den Heiligenkult um seine Person hätte Rabin vermutlich ziemlich abwegig gefunden. Er war ein aussergewöhnlicher Mensch mit Stärken und Schwächen. Das ist, wie gesagt, viel in unseren Tagen.

Und das Erbe von Yitzhak Rabin ? 20 Jahre später ? Was würde Rabin denken angesichts der Entwicklungen im Nahen Osten, in Israel ? Entwicklungen, die nicht nur gut sind. Die Gewalt in der israelischen Gesellschaft, die Arroganz, geboren aus Hilflosigkeit und Perspektivlosigkeit, auch der Alltagsrassismus und ein gewisser Autismus der umgebenden Staaten ? Ich betrachte mich wirklich als Freund des israelischen Staates. Aber das darf nicht dazu führen, mit Blindheit geschlagen zu werden. Die eifrigsten Kritiker der israelischen Gesellschaft sind übrigens die Israelis selbst. Ich finde schade, dass diese Tatsache von selbsternannten Israel-Freunden nicht gesehen wird.

Und doch (oder gerade deswegen) ist Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten. Eine Insel der Vernunft in einer Region, in der Verhaltensweisen anzutreffen sind, die eigentlich schon überwunden sein sollten. Ein Blick in die israelischen Nachrichten, das Lesen von Onlinezeitungen, macht wenig Hoffnung.

Das ist neu für Israel. Das Land wird auch die gegenwärtige Zeit überleben. Aber was wird sich ändern ? Wie wird Israel in 20 Jahren aussehen ?

22f719a1178dfd7a9f8d7ff26bf0368a