Suchtfaktor

Das „New York Magazine“ attestierte ihm den „lebhaftesten Verstand in New York City“. Doch dieser Verstand war gefangen in einem sterbenden Körper. Im Jahr 2008 war bei dem Geschichtsprofessor und Essayisten Tony Judt eine Nervenkrankheit festgestellt worden, deren Ursache unbekannt und deren Ausgang unaufhaltbar ist: Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Nach und nach verfielen bei Tony Judt die Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen zuständig sind. Anfangs konnte er sich in seiner New Yorker Wohnung noch selbst bewegen, dann brauchte er dafür einen Rollstuhl, zuletzt auch ein Beatmungsgerät. Sein Denkvermögen blieb aber intakt. In der „New York Review of Books“ beschrieb er es so: „Anders als bei den meisten anderen ernsten und tödlichen Krankheiten kann man müßig und ohne große Schmerzen den katastrophischen Fortschritt des eigenen Verfalls beobachten.“ Im Januar 2010 war das, als Tony Judt schon nicht mehr schreiben, nur noch diktieren konnte.

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