Sternenkinder

Bea hat in ihrem Weblog einen interessanten und einfühlsamen Bericht über die Sternenkinder geschrieben.

Bea berichtet über die Fotografin Tanja von Rohden. Frau von Rohden ist selbst betroffen vom Schicksal der Sternenkinder.

Sie ist eine Fotografin, die von Sternenkindern ein letztes Andenken für Familien bewahrt: Als ihre Nichte mit 8 Monaten am plötzlichen Kindestod starb, hatte sie es in Arm. Tanja von Rohden ist mit ihrer Familie durch diesen unglaublichen Schmerz gegangen, und als sie die Aktion DEIN Sternenkind entdeckt hat, wußte sie: „Ich pack‘ das. Ich weiß, wie es sich anfühlt, ein totes Kind zu berühren.“ Sie hat aber auch erfahren, wie viele Menschen im Umfeld der Familie nicht mit dem Thema umgehen können – aus Beklemmtkeit, Kommunikationsunvermögen oder schiere Angst vor dem Thema – und hat beschlossen, als Fotografin für den Verein zu arbeiten.

Die entstandenen Bilder sind unglaublich stark. Die Hintergründe kann Bea viel besser formulieren als er grenzgaenger.

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Ist das nicht ein unglaubliches Bild ? Ein kleiner, lächelnder, zufriedener, sich geborgen fühlender Mensch. Der kleine Mensch wurde 8 Monate alt. Der kleine Mensch starb am plötzlichen Kindstod. Frau von Rohden hatte das Kind auf dem Arm, als es geschah.

Was ist vorher geschehen ? Hat der kleine Mensch geschrien ? Weil sie sich nicht gewärmt, nicht genug beachtet gefühlt hat ? Hatte der kleine Mensch Hunger oder Durst ? Oder ist der kleine Mensch einfach nur unsanft aus dem Schlaf erwacht ? Ich weiss, das meine Mutter mich viele Stunden getragen hat, damit ich einschlief. Und ich weiss auch, das dieser Schlaf nie lange gedauert hat. Dann war meine Mutter wieder die tragende Mutter. So entstand viel Urvertrauen, das ich heute noch in mir tragen darf. Mein Vater kommt in diesen Erinnerungen nicht vor. Deshalb ist unser Verhältnis auch eher geschäftsmässig. Ich mag meinen Vater, immer noch nicht, wirklich als Vater zu sehen, sondern als Erzeuger. Ich weiss, das klingt kalt. Aber es lässt sich nichts beschönigen.

Zurück zu unserem kleinen Menschen und zu Tanja von Rohden. Frau von Rohden trug, wie schon geschrieben, unseren kleinen Menschen auf dem Arm, als der plötzliche Kindstod „eintrat“. Was mag da in einem Menschen vorgehen ? Wie viel Angst, Trauer, Entsetzen kann man ertragen ? Hat Frau von Rohden geschrien, geweint, war sie in einem Schockzustand, der Worte nicht möglich machte ?

Nein, vergessen wird Frau von Rohden den kleinen Menschen nicht. Das wäre geradezu unmenschlich. Aber auch der Trauer, aus dem Schmerz, etwas konstruktives wachsen zu lassen, ist grossartig. So etwas konstruktives eben wie Sternenkinder zu fotografieren, den kleinen Menschen ein Gesicht, eine Stimme, eine Geschichte zu geben. Den Eltern hilft diese Art der konstruktiven Trauer hoffentlich, einen Anker in schweren Zeiten zu finden.

Es ist gut zu wissen, das ein Tabu gebrochen ist. Früher waren Sternenkinder tabu. Da wurde mit Schuld argumentiert, mit dem Preis von angeblichen Fehlern und Sünden der Eltern. Gerade die theologische Rezeption dieses Themas ist beschämend Und leider hat sich in vielen Köpfen nichts geändert.

Und doch gibt es Zeichen der Offenheit, der Thematisierung dieses Themas, der all zu gerne verdrängt wird.

Heute gibt es immer mehr „Kleinstkindergräber“. Endlich werden Sternenkinder beerdigt, anstatt wie (Entschuldigung, es klingt schrecklich (!!) Müll in der Klinik „beseitigt“ zu werden.

Endlich dürfen Eltern, und auch Geschwister, Trauerarbeit leisten, indem Särge gestaltet werden können, so wie es gewünscht wird. Das ist, ich wiederhole es, praktische Trauerarbeit. Diese Form der Trauer ist nicht weniger wichtig als andere Formen. Leider muss das immer wieder betont werden.

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Es ist wichtig, den Eltern die Möglichkeit zu geben, jederzeit zu einem Grab, einer Erinnerungsstätte, und sei diese virtuell, zu gehen.

Manchmal wird die Trauer zu gross, das Aushalten in der Wohnung nicht mehr erträglich. Dann muss es einen Ort geben, an den man gehen kann, an dem man sich Erinnern darf, an dem man Weinen darf, an dem man lachen darf.

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Ich denke, es ist wichtig, immer wieder auf Initiativen, wie die beschriebene, aufmerksam zu machen.

Sternenkinder sind immer weniger ein Tabu. Und doch ist unendlich viel Überzeugungsarbeit zu leisten.