Seele (1)

Irgendwie ist da nichts. Wenn ich versuche, mich an meine frühe oder spätere Kindheit zu erinnern ist da nichts. Keine Bilder, keine Namen, keine Ereignisse. Nur Leere. Verdrängung, kein Vergessen. Nur Leere. Was, wenn die Dämme der Verdrängung brechen ? Ehrlich gesagt habe ich ziemlich viel Angst davor. Ich möchte mich nicht darauf einlassen, das die verdrängten Dämme brechen. Ich weiss nicht, was dann kommen würde. Und ich möchte mich nicht auf Experimente einlassen. Zu gross ist die Angst.

Und doch ist, in meinem Kopf, ein Gefühl nicht wirklich gemocht zu sein. Nur gemocht zu sein, wenn ich Erwartungen erfüllte. Ich habe die meisten der Erwartungen nicht erfüllt. Weil ich anders war und irgendwie auch anders sein wollte. Was in meiner Seele passierte, war die eine Sache. Was ich nach aussen hin lebte, war meistens etwas anderes.

Viel zu oft laufe ich vor mir weg. Das ist auch heute noch so. Früher, wie heute, jagt entweder ein Termin den nächsten. Weglaufen. Oder ich liege, im dunklen Zimmer, nicht fähig zu den kleinsten Dingen. Selbst Trinken, Essen, Duschen, sind grosse Herausforderungen. Es geht einfach nicht. Das ist meine Depression. Nein, ich bin nicht bipolar. Aber meine Gefühlszustände wechseln. Manchmal mehrmals in der Stunde.

Nähe, Wärme, Geborgenheit, kann ich nur schwer zulassen. Mir fehlt nicht unbedingt die Fähigkeit dazu. Aber ich könnte verletzt werden. Ich weiss nicht, von wem oder was. Aber die Möglichkeit besteht. Und das ist beängstigend genug. Viel zu oft bin ich verletzt worden, als die Schale noch nicht anwesend war. Dann kam die Schale und ich komme aus dieser Schale nicht mehr hinaus.

Um überhaupt etwas zu spüren, verletze ich mich. Ich Ritze. Manchmal mehr, manchmal weniger. Auch wenn die Verletzungen, nach aussen, stark sind, kommt kaum etwas in meinem Innenleben an. Und es muss bluten. Damit ich wenigstens das Blut spüre.

Materiell gesehen geht es mir gut. Ich sollte zufrieden sein. Und doch bin ich es nicht. „Unzufriedenheit“ wäre nicht unbedingt das richtige Wort. Eher eine Nicht-Beziehung zu den Dingen, die mich umgeben. Alles sieht so sinnlos aus. Fühlt sich sinnlos an. Welche Bedeutung hat schon ein Bankkonto ? Ich fühle nichts beim Betrachten der Zahlen. Alles ist irreal. As wollen die Zahlen von mir ? Und sollen Zahlen etwa ein Grund zur Freude sein ? Etwa zur Altersabsicherung ?

Ich hoffe, nicht so alt zu werden. Jeden Tag, den ich früher gehe, ist ein guter Tag. Ich habe hier nichts mehr zu suchen. Das hier bin ich nicht. Alles ist zu belastend. Diese Schwere ist kaum zu ertragen.

Die Traumata, diese tief verdrängten, tauchen doch wieder auf. Keine Nacht ohne Träume. Manchmal unendlich viele Träume. Träume, die Angst machen. Praktisch jeden Morgen,. Manchmal in der Nacht, wache ich, in Schweiss gebadet, auf. Die Nacht ist so beängstigend. Ich möchte nicht ins Reich des Horrors abtauchen. Und doch überkommt mich der Horror immer wieder.

Von „erholsamen Schlaf“, vom „Auftanken für den Tag“ kann nicht die Rede sein. Es ist eher ein Hinabgleiten in den Zustand tiefer Müdigkeit. Besonders Morgens ist das heftig. „Morgentief“ ist das falsche Wort. Die Erschöpfung dauert an. Die Erschöpfung wird tiefer, oder, um es mit Paul Spiegel, auszudrücken: „Die Schatten werden tiefer“. Im, wahrsten Sinne des Wortes werden die Schatten tiefer. Menschen fragen schon, ob ich zu wenig geschlafen  hätte, ob ich krank wäre. Ja, ich bin krank. Aber diese Krankheit lässt sich nicht mit wenigen Worten erklären. Ich verstehe mich ja selbst nicht.

Und irgendwann hören Menschen nicht mehr zu. Ich verstehe das sehr gut. Wer ist schon in der Lage, sich immer die gleichen Worte, die gleichen Statusmeldungen, anhören, ohne mit hinunter gerissen zu werden ?

Auch ich ertrage das nicht mehr nicht. Deshalb ist die Selbsthilfe erst einmal geparkt. Ich musste aussteigen. Es ging einfach nicht mehr. Ich kann schlecht sprechend formulieren. In Worte gepackt, geht das viel einfacher. Schreiben war schon immer meine Sache. Schliesslich schreibe ich mir, noch heute, die Dinge, die mich belasten, von der Seele.