Süchtige Onliner

Immer öfter werde ich von besorgten bis verzweifelten Eltern angesprochen. Ein wirklich neuer Trend, der aber nicht wirklich neu ist, scheint die Internet Abhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen zu sein. Das wird, gerade am Wochenende, fast pausenlos am PC abgehangen. Bestenfalls kommen die Kindchen noch zum Essen/Trinken, oder um körperliche Bedürfnisse zu erfüllen, aus dem virtuellen Funkloch hervor.

Es geht da, immer mehr, auch um Computerspiele. World of Warcraft ist das wohl bekannteste dieser Art. Da scheinen Kinder und Jugendliche wirklich drauf ab zu fahren. Für Leute, die dieser Sucht nicht verfallen sind, ist das kaum zu erklären. Da ist mehr als eine digitale Kluft. Da sind verschiedene Weltbilder am Werke. Ich glaube jedenfalls nicht an Legionen. Und virtuelle Kriege zu führen, finde ich schlicht widerlich.

Mensch, ich habe, im Alter der Kinder, auch Mist gebaut. Eine Menge sogar. Ich bin von Bäumen gefallen, habe, auf dem Küchenschrank, Massen von Kaffeebohnen gekaut, auch manche Schreibe ist, mittels Fussball, zu Bruch gegangen.

Noch früher in meiner Kindheit haben meine Eltern mit mir lange Spaziergänge gemacht. Im Urlaub ging es fast immer in die Berge. Diese Liebe ist mir bis heute erhalten geblieben.

Wir hatten Zuhause keinen Fernseher. Computer gab es damals noch nicht. Und irgendwie habe ich das alles nicht vermisst. Einen Fernseher habe ich mir nie angeschafft. Gut, im Internet bin ich manchmal länger als eigentlich geplant.

Meine Liebe zu Büchern ist geblieben. Ich bin ein Buchstaben Vielfrass. Da habe ich (auch) meiner Mutter zu verdanken. Die abendliche Vorlese Stunde war immer ein Highlight des Tages. Heute bin ich der Vorlese Onkel. Im Hospiz und anderswo.

Doch zurück zum Thema Onlinesucht. Hat das wirklich etwas mit veränderten Strukturen in der Familie zu tun ? Damit, das Eltern weniger/viel weniger Zuhause sind als früher ? Damit, das Eltern heute gestresster sind als früher ? Damit, das Kinder weniger erwünscht sind ? Ich weiss nicht, ob solche kurz gedachten Erklärungen wirklich ziehen. Ist da Gruppendruck, in der Schule, gar im Kindergarten, im Spiel ?

Ich bin etwas ratlos in dieser Frage. Und ich etwas ratlos bei dem Versuch, Eltern Erklärungen „zu liefern“.

Beratungsstellen gibt es inzwischen einige. Aber bis Eltern diese Institutionen aufsuchen, ist schon viel passiert. Zu viel. Die Scham über das angeblich gescheiterte Familienmodell ist wohl zu gross. Sucht, auch Internetsucht, wird als Versagen von Erziehung gewertet. Da mag auch etwas dran sein. Aber Eltern pauschal Vorwürfe zu machen, bringt gar nichts. Pauschalisieren ist  (fast) immer falsch. Auch in dieser Frage.