Leben im Quartier

Das Wort „Quartier“ ist ziemlich in Mode gekommen. Es gibt viele Definitionen. Ich übersetze den Begriff gerne mit „Stadtteil“. Da wohnt man, da kennt man sich aus, da hat man Nachbarn, da spielt sich das soziale Leben ab, da sind Vereine, in denen man sich, ganz konkret, vor Ort engagiert. Bei mir ist das der Bürgerverein, die Kolpingfamilie, der Bund für Umwelt und Naturschutz, der Hospizverein, die Krankenhaushilfe. Alle diese Einzelteile bilden, für mich, den Stadtteil, in dem ich lebe. Gut, der Stadtteil ist nicht dicht besiedelt. Zum grossen Teil ist er ländlich. Man kennt sich. Das ist, nicht nur, aber auch, Idylle.

Ein ganz praktisches Beispiel ist die alteingesessene Bäckerei. Da hole ich mir nicht nur meine Brötchen und leckeren Kuchen. Da trifft man auch Bekannte und Nachbarn, der Bäcker kennt mich schon von Kindesbeinen, fast immer ist Zeit für eine Tasse Kaffee. Auch das ist für mich „Quartier“. Zu wissen, da gibt es Leute, mit denen man reden kann. Ich finde, in Zeiten der Vereinzelung, ist das ein unschätzbarer Wert. Kein materieller Wert, das stimmt. Unter Menschen zu sein, ist ein Wert, der sich nicht in Geld bemessen lässt.

Eine traurige Einsamkeit spüre ich immer dann, wenn ich in Krankenhäusern unterwegs bin. Viel zu oft „ist da niemand“, der einen besucht, dem man sein Herz ausschütten kann, der einfach nur die Hand hält, der Tränen zulässt. Seelsorge bedeutet für mich auch, sich nicht verstellen zu müssen. Seelsorger müssen authentisch sein. Kranke Menschen dürfen authentisch sein.

Ein Gegenbeispiel, die dunklen Facetten eines Dorfes, beschreibt Juli Zeh in ihrem neuen Roman „Unter Leuten“. Beschrieben wird ein Dorf in Brandenburg. Das Dorf, in dem Juli Zeh lebt. Mit allen seinen dunklen Seiten. Die dunklen Seiten der Idylle werden geschildert. Ein Buch, das süchtig macht, wie so viel, das Juli Zeh schreibt.

Eine besonders gute Idee finde ich Stadtteilläden. Hier ist ein Beispiel aus Bochum. Da finden sich Menschen zusammen, um ein soziales Leben zu praktizieren. Eben das Gegenteil von Vereinzelung. Aber es werden auch, im Laden konzipierte, ganz praktische Angebote für den Stadtteil angeboten. Das stelle ich mir unter dem grossen Wort „Bürgerschaftliches Engagement“ vor. Wie so viele grosse Worte lebt auch dieses Wort durch die praktischen Beispiele.