Vielfalt der Religionen

Ich werde immer wieder gefragt, wie ich Judentum und Christentum zusammen leben kann.

Wähle ich da immer nur positives aus ?

Nun, Religionen, wenn Mensch sie denn ernst nimmt, haben nicht nur positive oder negative Seiten. Wer so argumentiert, hat weder das Alte, noch das Neue, Testament verstanden.

So wie G“tt im Alten Testament nicht nur ein strenger Tag ist, der mit Strafen droht, so wenig ist Gott im Neuen Testament ein Wohlfühlgott.

Judentum und Christentum sind Geschwister. Von Anfang an. Wer die Bibel bewusst liest, wer die Thora bewusst liest, sieht diesen Zusammenhang. Und doch bin ich weit davon entfernt, nur eines der Bücher zu verstehen. Bei jedem Lesen entdecke ich Neues. Bei jedem Lesen tun sich mir neue Frage auf.

Nein, Religion, wenn sie ernst genommen wird, ist kein All-Inklusive-Wohlfühl-Urlaub. Die Texte sind holprig, haben Spitzen und Kanten, fordern uns heraus, zu reflektieren und manchmal auch zu verzweifeln. Diese Texte zu reflektieren ist eine Lebensaufgabe der besonderen Art.

Im Judentum gibt es die Einrichtung der Jeshiva. In dieser Form der Religionsschule sitzen sich jeweils zwei Menschen gegenüber und diskutieren die Texte. Kontrovers und laut. Leise und nachdenklich, wird um Worte, die Jahrtausende alt sind, gestritten.

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Solch kontroverse Debatte, die auch laut sein darf, wünsche ich mir im Christentum auch. Wer schon einmal in einer Jeshiva war, kann das vielleicht verstehen. Seit Jahren verbinden mit freundschaftliche Kontakte mit Machon Meir, einer (nationalreligiösen) Jeshiva in Jerusalem.

Also: Sich dem Ursprung nähern, Texte, Wort für Wort, diskutieren und reflektieren. Das ist für mich gelebte Religion. Nicht der Besuch möglichst viele G“ttesdienste ist wichtig. Da gibt es eine Menge Schein und auch Langeweile. Auch G“ttesdienste in der Schul brachten mir manchmal viel, oft weniger. Nein, Lernen bedeutet für mich, ich sagte es schon, keine Wohlfühlatmosphäre. Religion ist für mich eben erfüllende Arbeit im besten Wortsinne.

Inzwischen gibt es auch Online Jeshiven. In einer solchen Vielzahl, dass ich sie gar nicht alle verlinken kann. Googelt einfach „Online Jeshiva“ und ihr werdet fündig werden. Eine Jeshiva im Netz ist zwar kein Ersatz für das Original. Aber besser als nichts.

Und im Christentum ? Da habe ich leider nur sehr wenige Angebote entdeckt. Ich denke, um das Christentum attraktiver zu machen, braucht es mehr Diskussion. In herkömmlicher und in neuer Form. Das zu verwirklichen, ist eine Lebensaufgabe.