Ketzerische Gedanken zur Osterzeit

Ostern = Widerstand ?

Ich weiss nicht, ob diese Deutung des Osterfestes zu modern ist. Es ist jedenfalls eine andere Sichtweise als die, welche in Predigten und Auslegungen oft vertreten wird.

Da wird Jesus als Opfer dargestellt. Als Opfer letztlich eines Verrates. Es mag sein, das Jesus „aus freien Stücken“ seinen Leidensweg angetreten hat, „damit die Schrift erfüllt werde“. Es mag so sein. Trotzdem, so die Überlieferung, schrie Jesus am Kreuz „Warum hast Du mich verlassen, Vater ?“. Das macht ihn, in seiner Verzweiflung, menschlich. Er schreit seinen Schmerz heraus und bleibt trotzdem „gehorsam“, im Sinne der Botschaft das sein Leben eben nicht in seiner Hand, sondern in der Hand Gottes ist. Eine Botschaft, die auch heute noch ihre Aktualität hat.

Viel zu kurz kommt der Punkt, das Jesus sich immer wieder aufgelehnt hat. Aufgelehnt gegen die Vorstellungen seiner Zeit, aufgelehnt gegen die Herrschaft.

Modern könnten wir sagen: „Er war ein Revolutionär“. Er revoltierte gegen seine Umgebung, gegen seine Eltern, gegen die Obrigkeit. Er war, so die Schrift, nie bequem. Er hat nie den „leichtesten Weg“ gewählt. Oft war es der steinigste, schmerzvollste Weg. Dieser Weg führte über die Römer und die Schriftgelehrten auf den Berg Golgatha. Das wusste Jesus. Er hat sich nicht beirren lassen. Er ist den Weg, ganz bewusst, gegangen. Bis zum Schluss. Die Schrift hat sich erfüllt.

Revolutionäre unserer Zeit stellen sich in eine Linie mit diesem Weg. Die Geschwister Scholl, Dietrich Bonhoeffer, Malala, die ungenannten Märtyrer. Die verspotteten, erniedrigten, getretenen, geschundenen. All das ist auch heute Aktualität.

Warum geht die offizielle Rezeption nicht auf diesen Punkt ein ? Ist das zu unbequem für die heutige Kirche ? Ist es den Kirchgängern nicht zumutbar ? Werden kritische Stimmen immer noch ignoriert ? Bestenfalls ignoriert ? Ist es wichtiger, eine Friedhofsruhe ohne kritische Geister zu leben ? Ist es das, was Jesus wollte ? Oder ist es das, was Menschen heute wollen ?

„Gott ist nicht gut und nicht gerecht“. Andreas Benk versucht hier ein glaubwürdiges provokatives, gerade dadurch authentisches, Gottesbild, abseits des Mainstream, zu entwickeln. Ich habe sein Buch in zwei Nächten gelesen. Der Sprachstil, die Beweisführung, ist geradezu atemberaubend.

Und wie ist das mit Jesus ? Das Bild eines weich gespülten Hippies mit langen Haaren und Birkenstock Latschen. ? Fehlt nur noch die die ein bisschen Hanf und das Bild des liebenswerten Hippies ist gesichert. Ist er nicht nett ?

Es gibt immerhin literarische Gegenmodelle. Johannes Hart hat ein wunderbares Buch zum Thema geschrieben. Er schreibt, bereits im Titel, von einer „Komfortzone“, die wir verlassen müssen, wenn wir Gott denken. Auch der streitbare, und gerade deshalb von mir hochgeschätzte, Theologe Klaus Berger diskutiert die Wahrnehmung Gottes in seinen zahlreichen Büchern. Besonders in seiner Jesus Biographie denkt Berger in unbequemen Wegen, die zur Provokation, zum Streit um das Jesus Bild unserer Zeit, auf. Ich denke, Klaus Berger ist, gerade wegen seiner konservativen Glaubensauffassungen, immer lesenswert. Gerade weil seine Bücher ein Gegenmodell. zu unserer von Verdummung geprägten Zeit, darstellen. Bücher wie Berge, die es zu besteigen gilt. Kein bequemes Unterfangen. Aber darf Glaube bequem sein ?

All das fällt mir zum Thema ein. Man könnte noch über die antijudaistische Färbung, besonders zu Karfreitag, schreiben. Und zu den unsäglichen Lesungen in der Osternacht, die eben nicht den Rebell Jesus thematisieren. Es soll, vor Selbstgerechtigkeit trotzender, Gemeinschafts(un)sinn vorgespiegelt werden. Das anschliessende Agape Mahl im Pfarrsaal ist der Höhepunkt dieser Heuchelei. Ein Liebesmahl in der Osternacht ? Gott behüte ! Eine Mahlzeit für die Armen ? Wo sind denn die Armen bei diesem Mahl ? Sind sie willkommen ? Sind die Flüchtlinge unserer Zeit willkommen ? Oder ist das Armen Mahl ein so verlogener Begriff wie das Liebesmahl ? Die Auferstehung Jesu wird also durch Heuchelei getrübt. Es ist unerträglich, wenn wir Ostern ernst nehmen.

Das sind meine Gedanken zur Rezeption des Osterfestes. Sie sind (noch) nicht mehrheitsfähig. Aber das ist gut so. Mehrheitsfähigkeit durch Anpassung ist dem grenzgänger zuwider. Aber das ist ein Thema für einen neuen Post.