Ketzerische Gedanken zum Karfreitag

Karfreitag. Ein schwieriger Tag. Ein trauriger Tag. Ist es Zufall, dass es heute wie in Strömen regnet ?

Jesus also wird ans Kreuz genagelt und stirbt. So sagt es die Überlieferung. Es geht hier nicht um Glauben und Nichtglauben.

Es geht darum, dass der Mensch Jesus, der doch ein Jude war, von „christlichen“ Kirchen, sozusagen als Bauernopfer, missbraucht wurde, um gegen Juden, den Staat Israel, gegen die jüdische Religion, zu polemisieren. Nun mag der grenzgänger Polemik. Was scharfe Worte angeht, ist der grenzgänger kein „Unschuldslamm“ (auch so ein schwieriges Bild).

Allerdings lehnt der grenzgänger es ab, das eine Tradition fortgesetzt wird, die andere Menschengruppen, noch dazu Brüder und Schwestern im Glauben, als „ungläubig“ (ein drittes schwieriges Bild) hinstellt und damit Pogrome unglaublichen Ausmasses rechtfertigt. Und da ist nicht nur der Holocaust gemeint. Wie kann es Antijudaismus nach Auschwitz geben ?

Aber auch die Rezeption des heutigen Tages stösst dem grenzgänger mächtig auf. Welches Verhältnis haben die „christlichen“ Kirchen heute zu Andersdenkenden in ihren Reihen ? Ich möchte die Tatsachen im Falle von Hans Küng nicht wieder aufrollen. Das kann jede/r selbst nachlesen. Und Hans Küng ist ein prominentes Beispiel. Was spielt sich in den Kirchengemeinden vor Ort ab ? Wie werden dort Menschen ausgestossen und diffamiert, die eine, von der Amtskirche, abweichende Meinung haben ?

Wie wird die Theologie der Befreiung, die auch Dorothee Sölle in die Diskussion bringen wollte, in Kirchengemeinden vor Ort gelebt ? Befreit sich da etwas ? Wie sieht die Solidarität mit Menschen in Armut weltweit, und vor Ort, aus ?

Der gekreuzigte Jesus. Hingerichtet eben nicht von Juden, sondern von Römern. Hingerichtet, nachdem ihn seine Jünger verlassen haben. Auch das ist ein starkes Bild. Wer ist bei uns und mit uns in Zeigten des Leidens, der Trauer, der Angst ? Werden wir allein gelassen von unseren Jüngern in der Familie, im Verein, und eben auch in der Gemeinde ? wer ist am Ende noch bei uns und mit uns ?

Der gekreuzigte Jesus. Ein Mensch, der, von fremder Hand, stirbt. Wo ist unsere Solidarität mit den Gefangenen unserer Zeit ? Wo ist unsere Solidarität mit Menschen, die wegen ihrer eigenen Meinung gequält, gefoltert, eingesperrt werden ? Und das auch noch (und immer wieder) in „christlichen“ Ländern ? Wo ist unsere Solidarität mit verfolgten Christen in unserer Zeit ? Schauen wir nicht zu oft weg, weil das Thema unbequem ist ? Das Bild von Jesus, den seine Jünger verlassen. Auch heute noch ein aktuelles Bild.

Doch auch dies: Nach dem Leiden kommt, oft herbeigewünscht, der gnädige Tod. Wie oft habe ich dieses Licht in den Augen von sterbenden Menschen gesehen. Wer eine Hand hält, wer eben nicht alleine lässt in Zeiten des Todes, der lebt Nächstenliebe ganz konkret. Es geht nicht um „grosse“ Taten, es geht darum, unsere Gläubigkeit zu „erden“.

Es geht mir, beim Karfreitag, viel zu oft um den bequemen Wettbewerb vorgelebter Trauer. Was fehlt, ist die Erdung im Glauben. Sonst bräuchte es diese Scheinheiligkeit nicht. Erdung im Glauben braucht das reale Gebäude einer Kirche nicht. Die Erdung im Geiste, in konkrete Formen der Hilfe gebracht, ist, für mich, eine Botschaft des Karfreitags. Eine Botschaft für Gläubige, wie für Atheisten. Atheisten sind nämlich keine schlechteren Menschen.

Nach dem Dunkel des Karfreitags gehen wir über ins hellte Licht von Ostern. Lasst und diese Botschaft leben. Ganz konkret.