Im falschen Film

Manchmal habe ich, angesichts der Praxis im Deutschen Krankenhauswesen, das Gefühl im falschen Film zu sein.

Mein Vater läuft zur Zeit den Krankenhaus Marathon. Er dürfte sich auf einem der vorderen Plätze bewegen.

Erst der Rücken. Dann ein faktisches Nierenversagen, dann die Prostata Verkleinerung. Zwischendurch ständige Besuche bei verschiedenen niedergelassenen Ärzten. Und jeder macht seinen eigenen Mist. Ärzte scheinen leider sehr ungerne miteinander zu kommunizieren. Deshalb ist es wichtig, alle Arztberichte zu hüten wie den eigenen Augapfel. Am besten scannt man die Berichte ein und legt diese in der Wolke ab. Dann gehören die Berichte ausgedruckt in einen Ordner mit der Aufschrift „Ärzte – Berichte“. Mit viel Glück liest der nächste Arzt die Berichte dann.

Probleme mit der Prostata hatte mein Vater schon lange. Das ist nun wirklich keine Seltenheit. Die meisten Männer merken gar nicht, dass die Prostata krank ist. Bei Vorsorgeuntersuchungen würfelt der Urologie dann wohl ein bisschen und, je nachdem auf welcher Zahl der Würfel landet, ist dann Krebs oder eben nicht angesagt. Interessant ist die Tatsache, dass sich der entsprechende Blutwert brav den 3 Monats Fristen der Urologen anpasst und mal steigt und mal sinkt. Mal sieht der Urologe Krebs und dann wieder nicht.

Was gestern passiert ist, setzt dem ganzen aber noch die Krone auf. Bei der Visite informierte der Arzt meinen Vater darüber, dass er Prostatakrebs hat. Die Frage ist nur noch, ob sich das Problem mit Tabletten lösen lässt oder ob eine Chemo angesagt wäre. Weg war der Arzt und mit ihm auch der fröhliche Umzug. Damit der Patient, G“tt behüte, nicht zum Nachdenken kommt, werden noch endlose hübsche Versuchsreihen gemacht. Sicherlich bin ich gegen Tierversuche. Aber wer schützt eigentlich Patienten vor den ärztlichen Menschenversuchen ?

Als wir meinen Vater gestern besuchten, war die Stimmung natürlich entsprechend traurig. Irgendwie hat uns die Diagnose völlig vom Sockel gestürzt, weil vorher nie die Rede von Krebs gewesen ist. Und überhaupt ist die Vorstellung „Krebs“ doch immer mit Dahinsiechen und dem kurzen oder längeren Sterbeprozess verbunden. Ich weiss, dass es anders sein kann. Aber irgendwie werde ich die Bilder nicht los.

Heute war dann nicht mehr die Rede von Dramatik. Der Prostata Wert war hervorragend, die Operation seit zufriedenstellend verlaufen, auch der Heilungsprozess sei positiv im Gange. Und doch bleibt das Schreckgespenst „Krebs“ im Raum.

Mein Vater ist leider etwas unbeholfen darin, sich Informationen vom Arzt zu besorgen. Wie so viele Menschen lässt er alles über sich ergehen. Der Engel in Weiss wird schon wissen, was er macht. Wer braucht schon Informationen ? Diese Passivität treibt mich wirklich in den Wahnsinn. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass fragenden Menschen geholfen werden kann. Auch im Krankenhaus.

Schliesslich versuchte ich einen Arzt zu erwischen. Leider kam keiner. Da gibt es ganz verschiedene Erfahrungen. Ich habe die Erfahrung gemacht, das Nachfragen beim Arzt gerade in Universitätskliniken schnell und kompetent beantwortet werden. Überhaupt finde ich es ungerecht zu sagen, das in Universitätskliniken der Patient nur eine Nummer ist. Ich habe die gegensätzliche Erfahrung gemacht. Gerade die Grösse von Unikliniken bündelt Kompetenz und, ich gebe zu, mit Glück, guten Kontakt zum ärztlichen Personal.

In Sachen „Vater“ ist es also ein Wechselbad der Gefühle. Wirkliche Informationen sind nicht zu erhalten. Von meinem Vater gibt es keine Informationen, weil er schlicht nicht zuhört, wenn die Visite kommt und natürlich auch keine Fragen schlecht. Ich habe schon geschrieben, dass mich diese Passivität auf die Palme bringt.

Gestern sah es jedenfalls viel schlimmer aus. Der heutige Stand ist, das Krebs wohl die aktuelle Diagnose ist. Allerdings ist nicht mehr von Chemo die Rede, sondern von Tabletten.

Aber im Krankenhaus bleiben muss mein Vater noch auf unbestimmte Zeit. Hoffentlich wissen die behandelnden Ärzte warum. Und hoffentlich sind vernünftige Informationen zu bekommen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Hoffnung lebt.