Zwei Leben leben

Es ist wirklich schwierig und kräfte raubend zwei Leben zu leben. Da sind das eigene Leben und das Leben des erkrankten Familienmitgliedes. Und das eigene Leben kommt viel zu kurz-

Da mein Vater nicht sehr selbstständig ist, was die Suche nach Informationen angeht, erst recht nicht im Internet, und meine Mutter irgendwie versucht, das Ganze zu verdrängen (aus Angst ?) ist es nun meine Aufgabe, Informationen zu suchen.

Nun gut, es ist mein Vater. Auch wenn ich ihn mehr als meinen Erzeuger betrachte. Es gibt Unglücke, die sich nicht vermeiden lassen.

Aber trotzdem komme ich nicht vom Thema los. Es ist immer meine Art, auf Diagnosen mit dem Sammeln von Informationen (und dem immer neuen Sammeln von Informationen) zu reagieren. Versuchen, mit Diagnosen umzugehen. Wie sagte meine Psychiaterin so schon; „Sie sind völlig verkopft“. Ich glaube, da ist was dran.

Durch diese Verkopfung versuche ich, schlechte Gefühle in Grenzen zu halten. Gefühle können gefährlich sein, wenn man nicht gelernt hat, damit umzugehen. Stichwort Ritzen/Borderline. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, bekommt der Titel dieses Weblogs noch einmal eine andere Bedeutung. Beabsichtigt war das nicht. Aber Zufall ist das eigentlich auch ist. Ich komme immer mehr zu der Erkenntnis, dass es keine Zufälle gibt. Weder gute noch schlechte. Irgendwie, das ist meine Erkenntnis, ist alles in unserem Schicksal festgeschrieben. Beruhigend und Erschreckend zugleich.

Und es wird Zeit, endlich einmal die Familentherapie anzugehen. Da sind so viele Schmerzen. So viele offene Wunden. Meine Familie versteht wenig davon. Aber materielle Sicherheit ist eben nicht alles. Wenn Gefühle Tabu sind, ist ein sicheres Aufwachsen kaum möglich. Eine emotionale Hygiene übrigens auch nicht.

In Anbetracht unserer Erkrankungen kann Seelsorge, kann geistige Nahrung, so unendlich wichtig sein. Und doch lehnt mein Vater genau das ab. Er kommt schon selber klar. Meint er.

Morgen ist ein Termin in einer onkologischen Praxis. Die Bestrahlung, verbunden mit Chemo, soll die Zellen daran hindern, sich weiter zu teilen. Gleichzeitig sollen die gesunden Zellen wieder das Kommando übernehmen. Diese Bestrahlung wird nicht am ganzen Körper, sondern nur an den betroffenen Gebieten eingesetzt werden. So soll der Tumor schrumpfen und damit leichter operabel sein. Angeblich soll diese Behandlung mit weniger Nebenwirkungen verbunden sein als eine Bestrahlung/Chemo am ganzen Körper.

Nun, ich lerne auch wieder durch diese Sache. Und ich habe Hoffnung, dass mein Vater diesen Krebs, übersteht. Eigentlich war mein Vater noch nie wirklich krank. Das kann vorteilhaft sein, was die Konstitution angeht. Es kann aber auch negativ sein, was den Umgang mit einer Krankheit angeht. Irgendwie ist mein Vater schon „pflegeleichter“ geworden, irgendwie. Ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen, wird sich zeigen müssen.