Die Wutrede des Ban Ki Moon

Es sind klare Worte, auf die (auch) der Grenzgänger lange gewartet hat. Der UNO Generalsekretär Ban Ki Moon hat sich, leider erst bei seiner letzten Eröffnungsrede einer UN Vollversammlung, alle Wut von der Seele geredet. Die klaren Worte, gerade zum Syrien Konflikt, kommen hoffentlich nicht zu spät.

Die Welt, gerade auch vertreten in der UN Vollversammlung, hat jahrelang geredet, ohne den Menschen in Syrien zu helfen. Hilfskonvois sind vielleicht gut gemeint. Aber „gut gemeint“ war schon immer das Gegenteil von „gut“. „Schlecht“ wäre da eindeutig die bessere Alternative- Das gerade diese Hilfskonvois, diese Geste der Hilflosigkeit, auch noch angegriffen werden, zeigt die ganze Perversität, das ganze Versagen der angeblich aufgeklärten westlichen

Ban Ki Moon sagte in seiner Wut Rede, dass einige Mitgliedsstaaten der UN „Blut an den Händen“ haben. Ich fürchte, es sind nicht, das Blut klebt nicht nur an den Händen einiger Mitgliedsstaaten der UN. Es klebt an unser aller Hände.

Haben wir versucht, mit unseren kleinen Mitteln, den Menschen im Gulag Aleppo zu helfen?

Nein, auch der Grenzgänger nicht. Ich mag den Satz „Ich fühle mich schuldig“ nicht wirklich. Und doch passt der Satz, weil der Grenzgänger keine besseren Worte auf der Tastatur hat.

„Wir können doch nichts tun ?“. Dieser Satz ist eine vollzogene Redewendung der Verantwortungslosigkeit. Erst einmal müsste es heissen: „Ich (!) kann doch nichts tun“ ? Der Satz ist genauso falsch. Aber er schafft es, den Sprung von einer gesichtslosen Masse zur eigenen Person zu schlagen. Es gibt also um mich. Ich kann mich nicht mehr hinter einer gesichtslosen, aber eben auch scheinbar schützenden, Masse verstecken. Was habe ich (!) getan ? Und, noch drängender, was habe ich nicht (!) getan ? Nein, es gibt keinen Verantwortungs-Rabatt. Nein, ich habe nichts getan. Ich habe dem Schlachten zugesehen. Ich kann nicht sagen, dass ich nichts gewusst hätte. Das wäre eine Lüge und ausserdem ein zu durchsichtiger Versuch der eigenen Beruhigung. Nein, Verantwortung verschwindet nicht, wenn Verantwortung verdrängt wird.

Aber was kann ich (!) tun ? Wenigstens kann ich gegen das Vergessen anschreiben. Das Vergessen ist die Schwester des Todes. Eine Lehre übrigens, die zu viele Menschen in Deutschland nach dem Holocaust weit von sich gewiesen haben.

Nein, Aleppo ist nicht Auschwitz. Und doch sind die Ablenkungsmanöver, die moralischen Phrasen. Die gleichen. „Ich habe nichts gewusst ?“ Nein, das ist keine Schutzbehauptung. Das ist reine Menschenverachtung. Denn es hat auch im Holocaust Menschen gegeben, die Juden, unter Einsatz ihres Lebens, versteckt haben. Die „Allee der Gerechten“ in der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem erzählt von diesen Helden, die zu vielen Menschen (immer noch) als Verräter gelten. Das Mitlaufen ist eben bequemer.

Nein, ich weiss nicht, auf welcher Seite ich gestanden hätte. Ich habe nie in einer Diktatur leben müssen. Und doch habe ich tiefen Respekt vor diesen stillen, leider vielfach unbekannten, Helden. Der Historiker Arno Lustiger hat ein Buch mit dem Titel „Rettungswiderstand“ geschrieben, das sich mit diesen Menschen, die keine Helden sein wollen, beschäftigt.

Nun also eine Wut Rede. Bank Ki Moon, die UNO, Syrien. Der Bogen fällt schwer. Und doch ist Syrien das heutige Thema. Nein, Aleppo ist nicht Auschwitz. So wie wir Auschwitz niemals vergessen dürfen, sollten wir Aleppo nicht vergessen.

Die Frage ist immer gleich. „Was hast Du getan, Mensch“ ?

Nein, die Frage lautet :“Was habe ich getan ?“

Die Bilanz ist vernichtend.

Scham ist das falsche Wort.

Verantwortung ist das falsche Wort.

Vor dem Grauen kapitulieren Worte.

Sprach-Losigkeit.

Sprachlos Zensur