Watte im Kopf

Es war lange, zu lange, ruhig auf diesem Weblog. Das liegt einfach daran, das dem grenzgaenger keine vernünftige Zeile auf der Tastatur gelungen ist.

Auf einem Seminar habe ich gelernt, dass dieser Zustand den Namen „Watte im Kopf“ trägt. Diese Watte ist so wenig spezifisch, das sie sich genau so viel oder genau so wenig beschreiben lässt.

Ein Anzeichen dieser „Watte im Kopf“ ist, das zwischen dem Selbst und der Umgebung nicht mehr so richtig zu unterscheiden ist. „Depersonalisierung“ nennt das die Fachkunde. Irgendwie trifft es dieser Begriff insofern, als die eigene Person, wie schon geschrieben, nicht mehr definierbar ist und deshalb mit der Aussenwelt, in gewisser Weise, verschmilzt. Sozusagen eine Kernschmelze im Kopf. Diese Kernschmelze spürt der grenzgänger, erst einmal, in sich selbst. Die Aussenwelt nimmt, erst einmal, keine Notiz von der Kernschmelze. Dann allerdings kehrt die Kernschmelze nach aussen. Nicht in Form einer Aggression. (Das gibt es wohl auch). Aber beim grenzgänger ist es wohl so, dass eine totale Hilflosigkeit eintritt. Der grenzgaenger steht dann in einem Geschäft und weiss nicht mehr so Recht, was er da macht. Und manchmal weiss der grenzgänger auch nicht mehr so Recht, wo er ist. Das kommt, zum Beispiel, in solchen Kleinigkeiten wie der Unfähigkeit zum Ausdruck, etwas Sinnvolles mit dem Einkaufswagen zu tun. Da steht der grenzgänger dann einfach im Weg und weiss nicht wohin. Da steht der grenzgänger dann, mitten im Supermarkt, und weiss nicht mehr, wo denn nun die Kasse ist.

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Spätestens, wenn die Sache mit dem Einkaufswagen und/oder der Kasse geschieht, fragt jemand, ob es dem grenzgänger gut geht, oder ob er (oder sie) irgendwie helfen kann. Nein, der grenzgänger hat noch keine „schlechte“ Reaktion erfahren.

Was in der Depression wirklich ein schlimmer Fehler ist, heisst: Vermeidungsverhalten. Je mehr Vermeidung, desto mehr übernimmt die Depression (und damit fast immer verbunden: die Angst) das Ruder. Und so wird die Spirale immer schneller und der Aussenbereich immer kleiner.

Und doch vermeidet der grenzgänger. Zum Beispiel, in zunehmenden Masse: Supermärkte. Irgendwie ist Einkaufen ziemlich anstrengend (geworden).

Es gibt viele kleine Geschäfte. Da gibt es keine Einkaufswagen, keine langen Wege, keine Kassen. Dort kennt man mich und weiss, was los ist, wenn die Depersonalisierung wiedereinsetzt. Dann findet sich immer jemand, der den grenzgänger nach Hause oder ins Krankenhaus fährt.

Solche Phasen kamen, in den letzten Wochen, öfters vor. Und in solchen Phasen bringe ich keine vernünftige Zeile mehr auf die Tastatur. Deshalb war es beim grenzgänger so ruhig. Nun hat sich die Watte im Kopf etwas gelichtet. Und so ist, vielleicht/hoffentlich, in Zukunft wieder mehr zu lesen.