Ist es das wert ?

Mein Vater liegt, wieder einmal, im Krankenhaus. Inzwischen musste ihm ein Stoma und ein Dauerkatheter für Urin gelegt werden. Zu allem Überfluss hat er sich auch noch einen Krankenhauskeim eingehandelt, gegen den sich Antibiotika bisher als resistent erwiesen haben. Heute wurden die Antibiotika umgestellt, allerdings meinte der behandelnde Arzt, das man bisher, was die genaue Bestimmung des Keimes angeht, noch im Dunkeln tappen würde.

Mein Vater ist seit einiger Zeit Krebspatient.  Es hiess vor einigen Wochen, der Krebs sei „nicht mehr vorhanden“, mein Vater könnte als geheilt angesehen werden.

Heute nun kam die Nachricht, das sich der Krebs in die Leber und den Magen verlagert hat. Wie weit dieser Krebs gestreut hat, müssten weitere Untersuchungen ergeben.

Nun geht also die Angst, die Unsicherheit, das Bangen wieder los. Und das bei einem Patienten, der 81 Jahre alt ist und dazu noch geschwächt von den ganzen Behandlungen.

Bis vor 2 Jahren war mein Vater noch völlig gesund, das heisst: Er hatte keine Schmerzen oder sonstige Formen von Unwohlsein. Und dann ging das Drama los.

(Auch für die Familie ist das eine schwierige Situation. Aber das nur am Rande.)

Ich weiss nicht, wie ich in dieser Situation handeln würde. Aber ich glaube nicht, dass ich diese ganzen Strapazen auf mich nehmen würde. Dieses Wechselbad der Gefühle und die Angst vor der nächsten Nachsorge Untersuchung. Und immer wieder Hiobsbotschaften wie die heutige.

Ist es das wert ?

Für mich (und nur für mich !) würde die Antwort „Nein !“ lauten. Leben ist ein wertvolles Gut, wahrscheinlich das wertvollste. Aber ich würde mein Leben nicht um jeden Preis verlängern wollen. Ich habe, im Hospiz und im Freundeskreis, einige Leben enden sehen. Oft waren es wirklich Erlösungen. So etwas kann man im Gesicht sehen. Da entspannt sich, in vielen Fällen, ganz viel. Vor allem, wenn „alles geregelt“ ist und ein Mensch nun gehen darf.

Viele dieser Menschen haben schwere Schicksale, Kämpfe, das ganze Auf und Ab unserer medizinischen Praxis hinter sich bringen müssen.

Und doch ist die Sache beim eigenen Vater anders. Da ist es schwer „professionelle Ferne“ zu gewinnen. Deshalb möchte ich auch, dass die Begleitung, wenn es nötig wird, von einer neutralen Person durchgeführt wird.

Mein Vater hat sich, das ist mein Gefühl, für weitere Therapien entscheiden. Natürlich akzeptiere ich seine Entscheidung. Es ist sein Leben.

Aber für mein Leben wäre die Frage: „Ist es das wert ?“ zu einer anderen Antwort gekommen.