Vogelgezwitscher

Die Schöpfung. Ein grosser Begriff. Die Bewahrung der Schöpfung. Wie geht das ? Heute Morgen ist mir klargeworden, was Schöpfung bedeutet. Ich sass, in der Zeit zwischen dem Verschwinden der Dunkelheit und dem ersten, zaghaften, Licht auf dem Balkon. Um mich herum war absolute Stille. Dann fingen ein paar Vögel an, sich zu unterhalten. Auf jedes Lebenszeichen kam eine Antwort. Und dann war nur noch Vogelgezwitscher zu hören. Das sind Momente, für die der grenzgänger unendlich dankbar ist. Und da ist sich der grenzgänger sicher, dass unser Schöpfer lebt. Ein Ostertag. Welch ein Geschenk.

Ketzerische Gedanken zum Karfreitag

Karfreitag. Ein schwieriger Tag. Ein trauriger Tag. Ist es Zufall, dass es heute wie in Strömen regnet ?

Jesus also wird ans Kreuz genagelt und stirbt. So sagt es die Überlieferung. Es geht hier nicht um Glauben und Nichtglauben.

Es geht darum, dass der Mensch Jesus, der doch ein Jude war, von „christlichen“ Kirchen, sozusagen als Bauernopfer, missbraucht wurde, um gegen Juden, den Staat Israel, gegen die jüdische Religion, zu polemisieren. Nun mag der grenzgänger Polemik. Was scharfe Worte angeht, ist der grenzgänger kein „Unschuldslamm“ (auch so ein schwieriges Bild).

Allerdings lehnt der grenzgänger es ab, das eine Tradition fortgesetzt wird, die andere Menschengruppen, noch dazu Brüder und Schwestern im Glauben, als „ungläubig“ (ein drittes schwieriges Bild) hinstellt und damit Pogrome unglaublichen Ausmasses rechtfertigt. Und da ist nicht nur der Holocaust gemeint. Wie kann es Antijudaismus nach Auschwitz geben ?

Aber auch die Rezeption des heutigen Tages stösst dem grenzgänger mächtig auf. Welches Verhältnis haben die „christlichen“ Kirchen heute zu Andersdenkenden in ihren Reihen ? Ich möchte die Tatsachen im Falle von Hans Küng nicht wieder aufrollen. Das kann jede/r selbst nachlesen. Und Hans Küng ist ein prominentes Beispiel. Was spielt sich in den Kirchengemeinden vor Ort ab ? Wie werden dort Menschen ausgestossen und diffamiert, die eine, von der Amtskirche, abweichende Meinung haben ?

Wie wird die Theologie der Befreiung, die auch Dorothee Sölle in die Diskussion bringen wollte, in Kirchengemeinden vor Ort gelebt ? Befreit sich da etwas ? Wie sieht die Solidarität mit Menschen in Armut weltweit, und vor Ort, aus ?

Der gekreuzigte Jesus. Hingerichtet eben nicht von Juden, sondern von Römern. Hingerichtet, nachdem ihn seine Jünger verlassen haben. Auch das ist ein starkes Bild. Wer ist bei uns und mit uns in Zeigten des Leidens, der Trauer, der Angst ? Werden wir allein gelassen von unseren Jüngern in der Familie, im Verein, und eben auch in der Gemeinde ? wer ist am Ende noch bei uns und mit uns ?

Der gekreuzigte Jesus. Ein Mensch, der, von fremder Hand, stirbt. Wo ist unsere Solidarität mit den Gefangenen unserer Zeit ? Wo ist unsere Solidarität mit Menschen, die wegen ihrer eigenen Meinung gequält, gefoltert, eingesperrt werden ? Und das auch noch (und immer wieder) in „christlichen“ Ländern ? Wo ist unsere Solidarität mit verfolgten Christen in unserer Zeit ? Schauen wir nicht zu oft weg, weil das Thema unbequem ist ? Das Bild von Jesus, den seine Jünger verlassen. Auch heute noch ein aktuelles Bild.

Doch auch dies: Nach dem Leiden kommt, oft herbeigewünscht, der gnädige Tod. Wie oft habe ich dieses Licht in den Augen von sterbenden Menschen gesehen. Wer eine Hand hält, wer eben nicht alleine lässt in Zeiten des Todes, der lebt Nächstenliebe ganz konkret. Es geht nicht um „grosse“ Taten, es geht darum, unsere Gläubigkeit zu „erden“.

Es geht mir, beim Karfreitag, viel zu oft um den bequemen Wettbewerb vorgelebter Trauer. Was fehlt, ist die Erdung im Glauben. Sonst bräuchte es diese Scheinheiligkeit nicht. Erdung im Glauben braucht das reale Gebäude einer Kirche nicht. Die Erdung im Geiste, in konkrete Formen der Hilfe gebracht, ist, für mich, eine Botschaft des Karfreitags. Eine Botschaft für Gläubige, wie für Atheisten. Atheisten sind nämlich keine schlechteren Menschen.

Nach dem Dunkel des Karfreitags gehen wir über ins hellte Licht von Ostern. Lasst und diese Botschaft leben. Ganz konkret.

Die katholische Kirche und die Judenmission

Die katholische Kirche und der Antijudaismus. Eine unendliche Geschichte. Was soll man anderes erwarten ? Nur gut, das die israelische Politik nicht darauf angewiesen ist, was christliche Antijudaisten absondern. Und das dieser Mist so kurz vor Karfreitag den antijudaistischen Himmel erblickt, wird ist wohl auch kein Zufall.

Die katholische Kirche hätte genug damit zu tun, ihre Judenmissionare ruhig zu stellen. Was sich, in dieser Richtung, abspielt, spottet jeder Beschreibung. In Sachen Judenmission (oder Vernichtung des Judentums) hat die katholische Kirche absolut nichts aus ihrer Geschichte gelernt. Da gibt es leider auch kein klares Wort von Franziskus.

P.S. Israel ist Israel und nicht das Heilige Land. Das der Staat Israel (im Jahre 1948 ausgerufen wurde, hat sich wohl nicht bei den Bischöfen herumgesprochen. Dieser Staat ist leider viel zu spät ausgerufen worden. Sonst hätten Millionen Juden, vor dem deutschen Massenmord, gerettet werden können. Und an diesen Massenmord waren beide „christlichen“ Kirchen massgeblich beteiligt. Ich empfehle den Bischöfen die Lektüre des kleinen Büchleins „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth.

Ein anderes Büchlein für „unsere“ Bischöfe, dass diese natürlich nicht werden, ist eine Untersuchung von Daniel Jonah Goldhagen, die ich, kurz nach dem Erscheinen, verschlungen habe. Das Büchlein trägt den Titel „Die katholische Kirche und der Holocaust“. Dieses Büchlein scheint mir die beste Zusammenfassung des Themas zu sein.

Ketzerische Gedanken zur Osterzeit

Ostern = Widerstand ?

Ich weiss nicht, ob diese Deutung des Osterfestes zu modern ist. Es ist jedenfalls eine andere Sichtweise als die, welche in Predigten und Auslegungen oft vertreten wird.

Da wird Jesus als Opfer dargestellt. Als Opfer letztlich eines Verrates. Es mag sein, das Jesus „aus freien Stücken“ seinen Leidensweg angetreten hat, „damit die Schrift erfüllt werde“. Es mag so sein. Trotzdem, so die Überlieferung, schrie Jesus am Kreuz „Warum hast Du mich verlassen, Vater ?“. Das macht ihn, in seiner Verzweiflung, menschlich. Er schreit seinen Schmerz heraus und bleibt trotzdem „gehorsam“, im Sinne der Botschaft das sein Leben eben nicht in seiner Hand, sondern in der Hand Gottes ist. Eine Botschaft, die auch heute noch ihre Aktualität hat.

Viel zu kurz kommt der Punkt, das Jesus sich immer wieder aufgelehnt hat. Aufgelehnt gegen die Vorstellungen seiner Zeit, aufgelehnt gegen die Herrschaft.

Modern könnten wir sagen: „Er war ein Revolutionär“. Er revoltierte gegen seine Umgebung, gegen seine Eltern, gegen die Obrigkeit. Er war, so die Schrift, nie bequem. Er hat nie den „leichtesten Weg“ gewählt. Oft war es der steinigste, schmerzvollste Weg. Dieser Weg führte über die Römer und die Schriftgelehrten auf den Berg Golgatha. Das wusste Jesus. Er hat sich nicht beirren lassen. Er ist den Weg, ganz bewusst, gegangen. Bis zum Schluss. Die Schrift hat sich erfüllt.

Revolutionäre unserer Zeit stellen sich in eine Linie mit diesem Weg. Die Geschwister Scholl, Dietrich Bonhoeffer, Malala, die ungenannten Märtyrer. Die verspotteten, erniedrigten, getretenen, geschundenen. All das ist auch heute Aktualität.

Warum geht die offizielle Rezeption nicht auf diesen Punkt ein ? Ist das zu unbequem für die heutige Kirche ? Ist es den Kirchgängern nicht zumutbar ? Werden kritische Stimmen immer noch ignoriert ? Bestenfalls ignoriert ? Ist es wichtiger, eine Friedhofsruhe ohne kritische Geister zu leben ? Ist es das, was Jesus wollte ? Oder ist es das, was Menschen heute wollen ?

„Gott ist nicht gut und nicht gerecht“. Andreas Benk versucht hier ein glaubwürdiges provokatives, gerade dadurch authentisches, Gottesbild, abseits des Mainstream, zu entwickeln. Ich habe sein Buch in zwei Nächten gelesen. Der Sprachstil, die Beweisführung, ist geradezu atemberaubend.

Und wie ist das mit Jesus ? Das Bild eines weich gespülten Hippies mit langen Haaren und Birkenstock Latschen. ? Fehlt nur noch die die ein bisschen Hanf und das Bild des liebenswerten Hippies ist gesichert. Ist er nicht nett ?

Es gibt immerhin literarische Gegenmodelle. Johannes Hart hat ein wunderbares Buch zum Thema geschrieben. Er schreibt, bereits im Titel, von einer „Komfortzone“, die wir verlassen müssen, wenn wir Gott denken. Auch der streitbare, und gerade deshalb von mir hochgeschätzte, Theologe Klaus Berger diskutiert die Wahrnehmung Gottes in seinen zahlreichen Büchern. Besonders in seiner Jesus Biographie denkt Berger in unbequemen Wegen, die zur Provokation, zum Streit um das Jesus Bild unserer Zeit, auf. Ich denke, Klaus Berger ist, gerade wegen seiner konservativen Glaubensauffassungen, immer lesenswert. Gerade weil seine Bücher ein Gegenmodell. zu unserer von Verdummung geprägten Zeit, darstellen. Bücher wie Berge, die es zu besteigen gilt. Kein bequemes Unterfangen. Aber darf Glaube bequem sein ?

All das fällt mir zum Thema ein. Man könnte noch über die antijudaistische Färbung, besonders zu Karfreitag, schreiben. Und zu den unsäglichen Lesungen in der Osternacht, die eben nicht den Rebell Jesus thematisieren. Es soll, vor Selbstgerechtigkeit trotzender, Gemeinschafts(un)sinn vorgespiegelt werden. Das anschliessende Agape Mahl im Pfarrsaal ist der Höhepunkt dieser Heuchelei. Ein Liebesmahl in der Osternacht ? Gott behüte ! Eine Mahlzeit für die Armen ? Wo sind denn die Armen bei diesem Mahl ? Sind sie willkommen ? Sind die Flüchtlinge unserer Zeit willkommen ? Oder ist das Armen Mahl ein so verlogener Begriff wie das Liebesmahl ? Die Auferstehung Jesu wird also durch Heuchelei getrübt. Es ist unerträglich, wenn wir Ostern ernst nehmen.

Das sind meine Gedanken zur Rezeption des Osterfestes. Sie sind (noch) nicht mehrheitsfähig. Aber das ist gut so. Mehrheitsfähigkeit durch Anpassung ist dem grenzgänger zuwider. Aber das ist ein Thema für einen neuen Post.

Franz von Assisi

Der grenzgänger verschlingt Literatur zu Person und Wirken des Franz von Assisi. Irgendwie fasziniert mich dieser Mensch (in Literaturform) immer wieder.

Wie wurde Franz von Assisi verspottet, weil er den Reichtum aufgab und sich entschloss, in materieller Armut zu leben.

Franz von Assisi war vielleicht der erste Ökologe seiner Zeit. Er achtete die Schöpfung im wörtlichen Sinne. Bäume, Gräser und Sträucher sind Mitgeschöpfe. Er sprach mit den Tieren. Wie er mit Menschen redete.

Franz von Assisi wird als sanftmütig, bis hin zur Verleugnung seiner Person, beschrieben. Er war wohl ein Pazifist. Ungewöhnlich in seiner und in unserer Zeit.

Was würden wir heute sagen, wenn wir Franz von Assisi begegnen würden ?

Würden wir ihn als Bruder achten oder als Spinner verlachen ?

(Ich weiss nicht, was ich tun würde.)

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Papst ohne Zölibat ?

Ich bin ein Fan des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. Eigentlich bin ich mit diesem Papst aufgewachsen. So wie Helmut Kohl mir manchmal als von G“tt gewollter Bundeskanzler erschien.

Nun wurde mir Johannes Paul II. noch sympathischer. Das der verstorbene Papst eine Freundin hatte, finde ich gut. Schade, das er diese Tatsache, vor Respekt oder Sorge, angesichts seiner Mit“Brüder“ im Vatikan nicht zu seiner Amtszeit thematisiert hat. Nun ist Johannes Paul II. lange tot und, natürlich zu Recht, heilig gesprochen worden. Das war am 27. Februar 2014.

Ob Johannes Paul II. auch im Lichte der aktuellen Ereignisse zum Heiligen werden würde ?

Ich würde mir wünschen, das die katholische Kirche auch in Fragen des Zölibates und der Sexualmoral menschlicher wird. Dann hätte nicht nur Johannes Paul II. eine posthume Gerechtigkeit erfahren.

GWB LB DIGITAL 12:35 Statements with Pope John Paul II.
GWB LB DIGITAL 12:35 Statements with Pope John Paul II.

Eigentlich …

… wollte ich nur ins Krankenhaus, um mich behandeln zu lassen. Es ist schon Tradition, das ich vorher Kerze anzünde. So auch dieses Mal. Die Kapelle ist wirklich sehr schön gemacht. Klein, aber einfach nur schön. Ich entdeckte, zum ersten Mal ganz bewusst, die Marien Statur und da passierte es. Ich hatte das dringende Bedürfnis mich hinzuknien. Und die Tränen flossen, flossen, flossen. Danach war ich erleichtert. Sehr erleichtert. Auch so kann Seelsorge aussehen.