„Mama, wann stirbst Du endlich ?“

Bevor ihr in Verurteilungen abgleitet, solltet ihr das Buch gelesen haben. Das Buch schildert eine ganz normale deutsche Familie, die durch eine doppelte Pflegesituation regelrecht zerrissen wird. Die Autorin pflegte, viele Jahre lang, ihre Mutter, die an Demenz litt, und ihren Vater, der einen Schlaganfall erleidet und seit Jahren von einer Depression betroffen ist. Ein Szenario wie ein Alptraum. Eine Frau, die zwei pflegebedürftige Menschen pflegen muss und pflegen will. Das Buch bietet einen ungeschminkten Einblick in die Realität des deutschen Pflegesystems. Das Buch ist ein wütender Hilfeschrei, ein Schrei nach Beachtung, ein Ruf nach Hilfe, in gewisser Weise auch ein Ruf nach Erlösung. Wer nicht selbst mit einer Pflegesituation vertraut ist, kann schwer nachvollziehen, was die Autorin zum Titel „Mama, wann stirbst Du endlich ?“ bewegt hat. Die Autorin ist eben auch eine liebende Tochter, die das tägliche Elend nicht (mehr) ertragen kann. Ich wünsche diesem Buch eine grosse Aufmerksamkeit. Ich wünsche mir, dass mit diesem Buch, eine Diskussion über die Realität der Pflege in Deutschland, ausbrechen wird. Es liegt vieles im Dunkeln, was mit Pflege zu tun hat. Auch, weil Scham und Verzweiflung, angesichts einer Situation, die nicht zu bewältigen ist, mitspielt. Wenn der Begriff „Burn-Out“ inhaltlich definiert werden soll, haben wir hier ein sehr gutes Beispiel für die Definition.

Rudi Assauer. Alzheimer.

Ein Mann wie Rudi

Er ist an Alzheimer erkrankt. Diese Schwäche zeigt Rudi Assauer jetzt so hemmungslos, wie er früher seine Stärke zeigte.

Eine Hommage

Vor ein paar Jahren lief im deutschen Fernsehen eine Serie mit Liebesfilmen, in denen Rudi Assauer die Hauptrolle spielte. Es war nicht die Art von Liebesfilm, an die man sich gewöhnt hatte, nein, in Assauers Filmen wurde weder geflirtet noch geküsst. In den Schlüsselszenen kamen nicht einmal Frauen vor, nicht eine einzige Frau. Es ging auch gar nicht um Assauers Gefühlsleben, sondern um die Liebe der Fernsehzuschauer zu Rudi Assauer. Insofern war es ein Beziehungstest. Sach et Rudi! hieß die Sendung, sie lief hin und wieder vor Europapokalspielen, und sie zeichnete sich dadurch aus, dass Assauer etwas Belangloses tat und dabei von einer Kamera aufgenommen wurde. Es war eine Sendung ganz ohne Sinn, und wer die erste Staffel zu Ende sah, stellte fest, dass Assauer etwas Unglaubliches gelungen war: Ihm war alles egal. Zum Beispiel war ihm egal, ob er im Fernsehen war. Er tat nicht, was die Kamera wollte. Die Kamera tat, was er wollte. Mit einem Fan seines früheren Fußballvereins Schalke 04, dem Schauspieler Peter Lohmeyer, saß Assauer in einer Hafenkneipe in Hamburgund ließ sich dabei aufnehmen, wie sie Matjesbrötchen verspeisten. Wer einen dieser Filme durchhielt, der musste Rudi Assauer lieben, eine andere Erklärung gab es nicht.

(…)

Von dementen Menschen

Demenz entwickelt sich in Richtung einer Volkskrankheit. Und doch ist Demenz ein Tabuthema in Deutschland. Das spüre ich angesichts der betroffenen Gesichter, wenn von Demenz die Rede ist. Sicherlich ist die Nachricht, an dieser Wesensveränderung erkrankt zu sein, schwer erträglich. Aber ist es nicht so, das auch diese Wesensveränderung durch intensive Zuwendung und Liebe zu beeinflussen ist?

Wenn ich, besonders in Altenheimen, mit „meinen Dementen“ spiele, singe, alte Fotos anschaue, dann verschwindet die Müdigkeit und Abwesenheit in den Gesichtern. Da kommen Erinnerungen hoch, da kommt Fröhlichkeit hoch. Die Formen der Mitteilung sind sicherlich anders als „bei uns Gesunden?“ Aber ist das ein Problem? Ist es so schwierig sich auf andere, auch nonverbale, Formen der Kommunikation einzulassen? Ich denke, es ist nicht schwierig, sondern spannend. Ich lerne in jeder Stunde „von meinen Dementen“. Nicht umgekehrt.

Was man von dementen Menschen lernen kann, ist, in erster Linie, Dankbarkeit und auch Lebensfreude (!): Natürlich, auch das ist wahr, ändern sich die Stimmungen bei Demenzkranken Menschen. Manchmal sehr schnell, oft ohne erkennbaren (!) Grund. Ein Mensch mit Demenz lebt, in der fortgeschrittenen Phase seiner Krankheit, in einer anderen Welt. Nicht in einer Welt, die weniger „wert“ ist als die Welt von uns „Gesunden?“

Begriffe zum Beispiel spielen bei Menschen mit Demenz eine geringere Rolle. Umschreibungen, auch nonverbal, ersetzen die Begriffe.

Essen hat eine andere Bedeutung für demente Menschen. Das ist nicht immer so wohlgeordnet und strukturiert wie bei „uns Gesunden?“ Aber ist es wirklich wichtig, ob jemand erst die Wurst auf sein Brot legt und dann Butter darauf schmiert? Ist es wirklich wichtig, ob ein dementer Mensch versucht die Suppe mit einem kleinen Löffel zu essen? Kann man dementen Menschen nicht diese Freiheit ihrer Ausdruckswelt lassen? Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich damit verbracht habe, demente Menschen zu füttern. In deren Tempo, in deren Vorstellung von Essen. Es ist nicht schlimm, wenn demente Menschen in einer Stunde nur ein paar Bissen herunterbekommen. Ich habe Zeit. Unendlich viel Zeit für „meine Dementen“.

Da kommen wir an einen entscheidenden Punkt. Demente Menschen spüren sehr wohl ob man ganz und zu 100 % bei ihnen ist. Oder ob man abgehetzt, genervt, mit den Gedanken woanders ist.

Demente Menschen, das ist meine Erfahrung, haben ein intensives Gefühl für die Menschen, die sich mit ihnen beschäftigen. Das geht oft nicht über die „verbale Schiene“. Aber wenn „das Gegenüber“ mit guten Antennen für den anderen ausgerüstet ist, wird er spüren, was der demente Mensch gerade denkt und was der nächste Schritt sein kann.

Der nächste Schritt hat seltener mit Logik zu tun. Viel mehr mit Institution und auch mit einer Bereitschaft Dinge zu tun, die dem Verstand nicht unbedingt folgen. Ein bisschen Flexibilität ist hilfreich in der Arbeit mit dementen Menschen.

Ob diese Arbeit auf einen Menschen passt, lässt sich im Qualifizierungskurs erkunden. Nach diesem Kurs sollte eine Grundidee vorhanden sein, ob die ehrenamtliche Arbeit mit demenzkranken Kranken wirklich richtig ist. Ob der Zeitpunkt gut gewählt ist.

Wen man das erste Mal vor der Aufgabe steht, mit demenzkranken Menschen zu arbeiten, ist die Ausbildung weit weg. Dann ist man auf sein Gefühl angewiesen.

Ich habe, das sei zum Schluss geschrieben, die Erfahrung gemacht, dass Gefühle in der Arbeit mit demenzkranken Menschen viel wichtiger sind als unsere, hochgeschätzte und überschätze, Logik.

Da tut sich eine Welt auf. Abseits von verbaler Kommunikation und abseits der Logik. Was für ein Geschenk!

Ich bin jedem einzelnen Menschen, den ich begleiten darf und den ich begleiten durfte, unendlich dankbar für das Geschenk der Erfahrungen, für das Geschenk jeder einzelnen Stunde.

Rudi Assauer, Alzheimer

Rudi Assauer, der Inbegriff von Schalke 04, das Gesicht des Pottes. Rudi Assauer, der Lebemann, Zigarrenraucher, Frauenheld, immer deutliche Worte auf den Lippen. Rudi Assauer. Eine Marke.

Rudi Assauer. Alzheimer. Rudi Assauer. Immer weniger die Marke von früher. Rudi Assauer. Welcher Tag, welche Jahreszeit, welcher Monat, welche Uhrzeit? Rudi Assauer kann die Fragen nicht mehr beantworten. Hinter der Maske kommt Schmerz zutage. Schmerz und Angst und Ungewissheit.

Rudi Assauer, der immer Angst hatte, das Schicksal von so vielen in seiner Familie teilen zu müssen. Die Angst ist berechtigt. Noch gibt es kein Mittel gegen das Vergessen.

Rudi Assauer. Vergessen. Aus.

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Neue Studie zu Alzheimer

Alzheimer. Immer mehr Menschen werden davon betroffen. Um so wichtiger ist es, die Erkrankung zu verstehen. Verstehen ist das erste Mittel, um zu handeln. Verstehen ist die Voraussetzung.

Eine amerikanische Studie zeigt, dass Alzheimer sich wie eine Infektion ausbreitet. Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz. Ergebnisse wie diese, Studien solcher Art, können helfen den Verlauf der Alzheimer Demenz zu verlangsamen. Ein Gegenmittel ist noch nicht gefunden. Aber eine Verlangsamung wäre sicherlich ein grosser Segen für die Betroffenen und deren Angehörigen.

Rudi Assauer, Alzheimer, ein Buch

Rudi Assauer. Seine Person ist mit dem Ruhrpott, mit Schalke, mit Fussball, verbunden.

Nun ist Rudi Assauer krank. Sehr krank. Er leidet an Alzheimer. Für ihn ist das die schlimmste aller möglichen Diagnosen.

Doch Rudi Assauer beschliesst, wie es auch früher seine Art war, offen und offensiv mit seiner Krankheit umzugehen.

Anfang Februar erscheint die Autobiografie von Rudi Assauer.

Sie trägt den Titel: „Wie ausgewechselt – verblassende Erinnerungen an mein Leben“.

In dieser Autobiografie berichtet Rudi Assauer von seinem Leben mit der Krankheit. Wie es die Art von Rudi Assauer ist, dürfen wir eine engagierte und Mut machende Lektüre erwarten.

Ich finde es immer wieder gut, offen und ehrlich mit Krankheiten umzugehen. Es bringt absolut nichts, den Schleier des Verschweigens über eigenes Leiden zu ziehen.

Sicherlich werde ich zu den Lesern der Autobiografie von Rudi Assauer gehören.

Ich habe das Buch bei Amazon vorbestellt.