Vorfreude auf dieses Buch

Ger-Mania!

»In kaum einem anderen Land der Welt gibt es so viele Konvertiten wie in Deutschland. In den Gemeinden macht man darüber schon Witze: ‚Konvertit‛ auf Hebräisch ist ‚Ger‛. Wundert es dann noch, dass ‚Deutschland‛ auf Hebräisch ‚Ger-Mania‛ heißt? Man sollte meinen, eine Religionsgemeinschaft freut sich über einen solchen Zuspruch. Nun, die Juden sind da anders. Will sagen, wir Juden. Ich bin selbst zum Judentum konvertiert und schreibe dieses Buch als Jude. Daher verzeihen Sie mir bitte, wenn ich Ihnen gleich rate: Lassen Sie das mit dem Konvertieren. Und wenn Sie das Buch gelesen haben, dann widersprechen Sie mir gerne. Ihr bestes Argument ist und bleibt ja: Sie, lieber Eliyah, haben es doch auch getan und sind glücklich damit!«

Eliyah Havemann ist orthodoxer Jude – geworden. Doch so einfach ist das nicht. Er musste sein Leben umkrempeln, Überzeugungen relativieren, Herausforderungen bewältigen.

Jude zu werden ist wie eine Reise. Pointiert und witzig erzählt Eliyah Havemann davon: von den Jahren des Giurs, des Konvertierungsprozesses, von Schabbat und wie es ist, jüdische Feiertage zu begehen, wenn alle um einen herum Ostern und Weihnachten feiern, von der Beschneidung und dem Untertauchen in der Mikve, dem rituellen Bad, von koscherer Küche und von Dresscodes an der Westmauer in Jerusalem und von der Rolle von Männern und Frauen …

Übertritt zum Judentum – ein Wettlauf ?

Ich verstehe, vor allem junge, Menschen, die in Rekordzeit zum Judentum übertreten wollen. Gerade in der Jugend ist man nicht gewillt viel Zeit zu investieren. Alles soll schnell und problemlos gehen. Gerade in der Jugend machen Menschen aber die Erfahrung, das nicht alles schnell und problemlos funktioniert. Da entsteht dann Frust und aus der Ernüchterung kann Wut erwachsen.

Der Übertritt zum Judentum ist ein Prozess. Dieser Prozess braucht Zeit. Dieser Prozess ist, nicht nur unter Rabbinern, ein heisses Eisen. Ein verantwortungsvoller Rabbiner wird seine Gijur Kandidaten sehr genau auswählen. Die Zeit vor der „Auserwählung“ bemisst sich manchmal nach Jahren. Mit viel Glück sprechen wir über Monate.

Wenn dieser Teil des Weges abgeschlossen ist, beginnt ein langes Lernen und eine lange Phase, der Bewährung. Das stösst in der nichtjüdischen (manchmal auch in der jüdischen) Mitwelt auf Unverständnis. Warum dauert das alles so lange?

Die Antwort lautet: Die jüdischen Gemeinden haben (zu) viel gelernt was Übertritte angeht. Nicht immer waren die Übertritte, damals zum Christentum, freiwillig. Sehr oft war Zwang hinter den Übertritten, oftmals auch Gefahr für Leib und Leben. „Kreuz oder Tod“ war damals die Parole. In einigen Ländern der Welt heisst es heute „Allah oder Tod“. Diese Erfahrung der Zwangskonversion, der Versuch das Judentum vollständig zu assimilieren, hat sich im jüdischen Gedächtnis festgesetzt.

Das Judentum ist keine Religion, die missioniert. Der Kandidat/die Kandidatin muss schon den eisernen Willen haben, überzutreten. Ein langer Atem ist nötig. Diesen Atem findet der Mensch vermutlich nur im Vertrauen auf Gott.

Das Judentum ist keine Religion, die missioniert. Das finde ich gut. In einer Welt der (religiösen) Beliebigkeit werden hohe Anforderungen gestellt. Es geht nicht um Beliebigkeit. Es geht um das ganze, konkrete, Leben. Es geht darum, Regeln der Halacha umzusetzen, auch wenn man diese Regeln nicht versteht. Für einen durchschnittlichen Mitteleuropäer ist das schwer zu akzeptieren. Die Lebenshaltung „alles geht“ spricht gegen diese Erfahrung.

Aber geht wirklich alles? Oder geben wir uns einer Illusion hin? Wenn alles geht, wo bleiben dann Werte? Wenn alles geht, wozu die Anstrengung?

Im Falle des Übertritts zum Judentum zeigt sich, das nicht alles geht. Natürlich ist es möglich, zum Judentum überzutreten. Aber bevor das gelingt, ist ein weiter und schwieriger Weg zu gehen. Das ist gut so.

Ein Übertritt zu einer anderen Religion ist nicht zu vergleichen mit dem Wechsel der Autofarbe oder mit dem Kauf eines Notebooks. Mit dem Übertritt, wenn es denn ernst gemeint ist, ändert sich das komplette Leben. Neue Regeln, neue Sprache, neue Anforderungen.

Wenn sich, nach dem Übertritt, nichts im Leben ändert, war der Gijur nichts als Heuchelei. Das Problem ist leicht zu beschreiben: Der Übertritt kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Einen Austritt, wie bei den christlichen Kirchen, gibt es im Judentum nicht. Ein inneres Exil ist zwar möglich. Aber warum ist der Mensch dann den langen Weg gegangen?

Diese Problematik ist verantwortungsvollen Rabbinern bewusst. Deshalb die Vorsicht. Eine Vorsicht nicht aus Bösartigkeit. Sondern eine Vorsicht aus Mitmenschlichkeit. Der Rabbiner weiss, was auf den Gijur-Kandidaten zukommt. Deshalb wird ein verantwortungsbewusster Rabbiner sehr vorsichtig sein. Vorsichtig, um einen Menschen vor einem zu schnellen Übertritt, vor einer zu schnellen Entscheidung mit lebenslangen Folgen, zu bewahren.

Werden Menschen, durch den Übertritt zum Judentum, glücklicher? Ich weiss es nicht. Ich kenne leider einige Menschen, bei denen das nicht zutrifft. Charaktereigenschaften ändern sich nicht dadurch, dass eine Religion gewechselt wird. Einige Proselyten sind für die jüdischen Gemeinden schwer zu ertragen. 100 % – Prozentigkeit kann ganz schön anstrengend sein.

Ich kann nur dazu raten, sich Zeit mit dem Übertritt zum Judentum zu lassen. Ich denke, es wird seinen Grund haben, wenn der Rabbiner einen Menschen „ablehnt“, der zum Judentum übertreten will. Das ist kein Ablehnen des Menschen. Vielmehr ist es eine Achtung vor dem Menschen, wenn ein Rabbiner nicht jeden Übertrittswilligen annimmt.

Vielleicht braucht es einfach noch Zeit, um den Prozess abzuschliessen. Vielleicht ist der Vorsatz überzutreten, nur eine Zeiterscheinung?

G“tt wird uns nicht danach beurteilen, welche Religion wir ausgeübt haben. Im Jüdischen sagt man, wenn etwas besonders gutes über einen Mitmenschen gesagt werden soll: „Er war ein Mensch.“ Damit ist alles gesagt. Auf der Erde und im Himmel.

Keine Konvertiten, bitte ?

Judentum und Christentum haben gemeinsame Wurzeln. Genau genommen handelt es sich beim Christentum um einen Zweig, der aus dem Baum des Judentums hervorgegangen ist. Leider erinnert sich der Zweig nur selten und verschämt an seine Mutter. Das liegt sicherlich an der blutigen Geschichte, die den Zweig von seiner Mutter getrennt hat. Und doch lassen sich die Wurzeln nicht einfach entfernen. Die eigene Geschichte, die Tradition, die Familie der Mutter bleibt erhalten. Nach jüdischer Tradition ist das Kind einer jüdischen Mutter Jude bzw. Jüdin. Das heisst für unser Bild: Der Zweig Christentum wird immer jüdisch bleiben. Auch wenn der Zweig  lieber eine andere Identität haben möchte und seine Geschichte, viel zu oft, vergisst oder vergessen will.

Einer der grossen Unterschiede zwischen Christentum und Judentum liegt darin das im Judentum nicht missioniert wird. Es ist nicht das Ziel des Judentums möglichst viele Konvertiten zu gewinnen. Es geht um Tradition, es geht um Deutung, es geht nicht zuletzt auch um rabbinische Entscheide (Responsen). Aber es geht dem Judentum nicht um Masse.

Sicherlich hat diese Tatsache auch geschichtliche Gründe. Der christliche Antijudaismus hat eine schreckliche Tradition. Die Blutspur der fehlgeleiteten Christen zieht sich durch Europa und darüber hinaus. Die Stationen der Bekehrungskreuzzüge aufzuzählen würde ein eigenes Weblog erfordern. In jeder dieser Stationen sind Menschen gejagt, vergewaltigt, ermordet, worden, nur weil sie jüdisch waren. Hier liegen die Wurzeln des Holocaust. Aus dieser Erfahrung heraus ist das Judentum sehr zurückhaltend, was die Aufnahme von Konvertiten angeht.

Es ist nicht unmöglich zu konvertieren. Aber es ist auch nicht einfach. Eine Unterschrift und das Zahlen der Kirchensteuer reichen nicht aus. Um zum Judentum zu konvertieren, braucht es viele Stunden des Lernens und viele Besuche beim Rabbiner. Ob die Konvertiten in der Gemeinde freundlich aufgenommen und akzeptiert werden, ist dann noch eine andere Frage. Gerade religiöse Jüdinnen und Juden haben wenig Probleme damit, den „Zuwachs von aussen“ anzunehmen. Ist es verwunderlich das die meisten meiner jüdischen Freundinnen und Freunde sehr religiös sind? Ist es weiter verwunderlich das mein Weg zu anderen religiösen Menschen kürzer, ist als zu Atheisten? Der Glaube an den Baum G“tt, an die Mutter des einen G“ttes, verbindet. Über alle Schicksale und äusseren Ereignisse hinweg. Die Frage lautet nicht „Bist du Christ oder Jude?“ Vielmehr ist da ein Angenommen-Werden unter religiösen Menschen, die sich wenigstens in einer Sache einig sind (ob Baum oder Zweig): Es gibt G“tt und dieser G“tt ist ein G“tt der Gnade und der Hoffnung. Letztlich lenkt allein dieser G“tt unsere Wege. Auch wenn die Wege unerfindlich sind. Der Auszug aus Ägypten ist eben auch eine Geschichte der Umwege und letztlich eine Geschichte der Glaubensstärke, die ins Gelobte Land. Moses darf das Gelobte Land nicht betreten. Aber er beklagt sich nicht. Er gibt sich dem Willen G“ttes hin. Glaubensstärke.

Nein. Das Judentum missioniert nicht. Es werden Hindernisse sichtbar die überwunden werden müssen. Prüfungen sind zum Wachsen da. Nicht zum Resignieren. Letztlich ist es mit dem Übertritt zum Judentum ein bisschen so wie mit dem Weg der Israeliten ins Gelobte Land: Glaubensstärke ist gefragt. Wenn diese Glaubensstärke gelebt wird, darf der Mensch diesen Weg ganz ohne Hektik und Stress gehen.

Chabad zum Thema Gijur

Eine Meinung zum Thema Gijur – von Chabad Lubawitsch.

Soll ich zum Judentum übertreten?

Ist das Judentum für jedermann?

von Tzvi Freeman

Frage?

Ich bin zufällig auf Ihre Website gestoßen und so begeistert, dass ich zum Judentum übertreten möchte. Meine Mutter war streng katholisch und mein Vater skeptisch anglikanisch und ging nie in die Kirche. Ich war immer so verwirrt. Doch Ihre Website hat mich wirklich angesprochen so dass ich denke, dass das Judentum das Richtige ist für mich. Was ist der nächste Schritt?

Antwort !

Ihr nächster Schritt bestünde darin, ein besserer Mensch zu werden, und größeres Vertrauen in Ihre Seele, in Ihre Bestimmung und in Ihren Schöpfer zu entwickeln. Vollbringen Sie gute Taten, suchen Sie Gleichgesinnte, lernen Sie mehr über das Thema, setzen Sie das Gelernte in die Praxis um, geben Sie dem Leben einen Sinn.

(…)

Stadt oder Land ?

Wo kann man den Ulpan (und ggf. den Gijur) besser bestreiten? In der Stadt oder auf dem Land? Ich glaube nicht, dass, es eine Antwort, sozusagen für „alle“ gibt. Ich kann nur meine eigene Meinung schildern, die keineswegs entschieden ist.

Ich finde es schön, auf dem Land zu lernen. Da ist nicht die Hektik, nicht die Grösse, da sind nicht die Abgase der Stadt, da ist nicht der Lärm.

Gut. Von Yavne aus ist es kein Katzensprung nach Har Nof oder zur Westmauer. Auch kulinarisch gesehen fehlt das Village Green. Das alles hat Jerusalem zu bieten. Und noch einiges mehr.

Auf der anderen Seite ist Yavne schön ruhig und geräumig. Es gibt mehr als genug Platz, es gibt viele grüne Oasen innerhalb des Kibbutz.

Es gibt nicht viele religiöse Kibbutzim. Vielleicht ist das ganz gut so. Hätten die Kibbutzim diesen unglaublichen Beitrag zum Aufbau des Staates Israel leisten können, wenn sie religiös gewesen wären?

Ich kenne nur zwei religiöse Kibbutzim: Lavi und Yavne. Soweit ich weiss ist Yavne der einzige Kibbutz in dem man sich auf den Übertritt zum Judentum vorbereiten kann.

Jeder muss selbst entscheiden, was ihm wichtiger ist. Der Trubel einer Stadt oder die Ruhe des Kibbutz. Beides liegt ja auch nicht unendlich weit auseinander.

Die endgültige Prüfung vor dem Beth Din findet nicht in Yavne statt. Sondern vor dem Rabbinat in Jerusalem.

Da ist dann wieder beides, Stadt und Land, verbunden.