Licht sein

Es gibt sie noch. Die anregenden, positiv fesselnden, Predigten. Ich hörte heute eine solche Predigt in einer katholischen Kirche. „Licht sein“ war das Thema des Pfarrers. Er fragte sich selbst und seine Zuhörer, wie wir Licht sein könnten. Nun, in tätigem Handeln. In Krankenhäusern, Altenheimen, Kindergärten, in der Arbeit mit Obdachlosen, in Stadtteilzentren. Bei den Schwachen, die am Rande stehen. Bei den Sterbenden, die keine Lobby haben. „Licht sein“ durch tätiges Handeln. Da kommt mir Rabbiner Samson Raphael Hirsch in den Sinn, der immer wieder betonte das Judentum eine tätige Religion ist. Er betonte es nicht nur, er lebte es. Übrigens ist Predigen nicht die grosse Stärke jenes Pfarrers. Da gibt es rhetorisch bestimmt grössere Lichter. Aber jener Pfarrer predigt nicht nur. Er setzt seine Predigten in Handeln um. Ich durfte das mehr als einmal erleben. Auch das Christentum also als tätige Religion. So kommen Religionen zusammen. Ich frage Menschen, die über den Glauben kübelweise Dreck ausschütten, wo sie denn ein Licht sind. Ganz konkret. Fast immer bleibt die Frage ohne Antwort. Berechtigte Kritik ist das eine. Eigenes Handeln, für andere, im Geiste der Nächstenliebe, ist etwas ganz anderes. Ich bin nur ein kleines Licht. Doch dieses Licht leuchtet durch die Hilfe G“ttes. Es erinnert mich daran, das ich nicht für mich alleine lebe. Licht sein. Nicht nur am Sonntag.

Lo Lahityaeish

Es stimmt. Manchmal ist alles zum Verzweifeln. Rav Nachman von Breslov hat uns allerdings eine Regel mit auf den Weg gegeben: „Lo Lahityaeish“. Die Übersetzung lautet, schlicht und ergreifend: „Nicht verzweifeln“. Verzweiflung bringt nicht weiter. Verzweiflung verstockt die Seele. Rav Nachman hat uns gelehrt das wir immer in Simcha (Freude) sein sollen. Wir sollen nicht verzweifeln. Denn der Moschiach wird kommen. Wenn ich traurig und verzweifelt bin, denke ich an Rabbi Nachman und sein Lied.

Und ich denke an die Breslover in Israel. Die sind immer fröhlich, unglaublich fröhlich. Sie tanzen auf Plätzen und Strassen und versuchen, ein Stück weit, die Botschaft ihres Rebben zu verkünden. Man mag über die Breslover den Kopf schütteln. Aber diese Menschen vermitteln eine gelebte Religiosität. Gelebt mit jeder Faser ihres Körpers. Gelebt in jeder Stunde. Manchmal habe ich, gerade in Deutschland, das Gefühl unsere Religiosität ist unterkühlt und wird eben nicht wirklich gelebt.

Judentum, so lernte ich von meinem verehrten Rav und bei der Lektüre von Rav Samson Rafael Hirsch, ist eine tätige Religion. Eine Religion, die nicht tätig gelebt wird, ist nur ein Schatten ihrer selbst. Ich denke, das gilt für alle Religionen. Die Glaubwürdigkeitskrise der Religion kommt nicht zuletzt daher, dass Religion nicht tätig gelebt wird.

Wann werden wir tanzen ?

Wann werden wir unsere Freude –  über das Geschenk G“ttes Kinder sein zu dürfen –  zum Ausdruck bringen wie die Breslover ?

Responsen Literatur

Heute werde ich den Tag, mit einem guten Buch, im Bett verbringen. Es geht um Responsen. Ein Respons ist eine (rechtliche) Anfrage, die an eine rabbinische Autorität gerichtet wurde/wird. Natürlich geht es auch um die Antwort.  Die Literatur in diesem Feld ist zahlreich und vielfältig.

Ich werde mich mit Responsen zum Kaddisch beschäftigen, jenem grossartigen Gebet, das in keinem jüdischen Gebetstag fehlen darf.

Leon Wieseltier hat ein interessantes Buch zum Thema geschrieben. Vordergründig geht es um den Tod seines Vaters und seine, damit verbundene, Rückkehr zur jüdischen Religion.

Aber das Buch bietet mehr. Das Buch bietet eine „Rundreise“ durch die Geschichte der Responsen zum Thema, es stellt wichtige Rabbiner vor und, nicht zuletzt, sprich Wieseltier von seinen Gebetserfahrungen, die verschüttet waren.

Leon Wieseltier betet, wie es Tradition ist, dreimal am Tag, in verschiedenen Synagogen, das Kaddisch. Und er leitet die G“ttesdienste. Auch das eine Tradition.

„Kaddisch“ ist, für mich, ein regelrechter Brunnen der Gelehrsamkeit und bringt, bei jeder Lektüre, neue Erkenntnisse mit sich.

Was kann man von einem Buch mehr erwarten ?

Schon wieder ein neuer Rabbiner

In meiner „Wahlsynagoge“ wechseln die Rabbiner in wirklich schneller Reihenfolge ab. Erst konservativ, dann Orthodox, nun wieder Konservativ. Auch der neue Rabbiner ist in New York geboren und hat das Abraham-Geiger-Kolleg besucht. Ich bedaure wirklich das der „alte“ Rabbiner die Gemeinde verlassen hat. Überhaupt finde ich orthodoxes Judentum nicht nur als anspruchsvoller, sondern auch als ansprechender. Ich glaube die modernen Vorstellungen von Leben (und Religion) können eine zu grosse Rolle, im Denken und Handeln, einnehmen und damit ein ganzes Stück Faszination des Judentums rauben. Auf der anderen Seite ist konservatives Judentum, ein Stück weit, näher an der Lebenswelt der heutigen Menschen dran. Wie immer bin ich zerrissen. Wie immer gibt es Vorteile und Nachteile. Es wäre ungerecht, den „neuen“ Rabbiner bewerten zu wollen. Er wird seine Arbeit tun. Vielleicht mit anderen Schwerpunkten als sein Vorgänger. Für eine persönliche Bewertung seiner Arbeit ist es sicherlich noch zu früh. Abwarten, Schabbes halten 😉