Tagesklinik, die 2.

Die endgültige Entscheidung wird zwar erst morgen fallen. Da ist ein Gespräch mit dem Psychiater angesagt. Aber es sieht so aus das die Tagesklinik wieder auf dem Programm steht. Ohne klinische Behandlung droht die Depression aus dem Ruder zu laufen. Ich weiss nicht, ob mich die Aufnahme in die Tagesklinik freuen soll. Zumal eine lange Wartephase ansteht. Manchmal dauert es 4 Wochen bis zur Aufnahme in die Tagesklinik. Aber, auf der anderen Seite, gibt es in meiner Umgebung ziemlich viele Angebote dieser Art. Ich versuche, dem Angebot „Tagesklinik“ positiv zu begegnen. Mehr kann ich, im Moment, nicht tun.

Teilstationär oder Stationär ?

Eigentlich stand ja die Frage „Teilstationär oder Stationär?“ auf dem Programm. Heute hat meine Ärztin beschlossen, dass es keine dieser beiden Lösungen geben wird. Aus ärztlicher Sicht bin ich wohl einfach zu schwach für eine der beiden Optionen und ich spüre das auch. Selbst ein Tag in der Tagesklinik scheint mir unheimlich anstrengend zu sein. Vollstationär hätte ich zwar mehr Ruhe. Aber die beste Lösung ist wohl wirklich zu Hause bleiben zu können. Meine Ärztin wechselt sich mit einer Kollegin ab. Die beiden schauen regelmässig bei mir, zu Hause, vorbei und das klappt ganz gut. Auch wenn ich zu dem Zeitpunkt oft schlafe und mich gar nicht mehr daran erinnern kann. Ich will nicht schon wieder für lange Zeit ins Krankenhaus wechseln. So toll ist es da nun auch wieder nicht. Und ich fühle mich, ambulant, sehr gut versorgt. Meine Wohnung gleicht wohl mehr einem Krankenhaus, mit Infusionsgeräten und einem Notrufapparat, aber es ist eben doch Zuhause. Was ein Albtraum für mich wäre, ist, mit mehreren Menschen, in einem Zimmer zu liegen. Jedes Geräusch empfinde ich als schmerzhaft. Und ich lebe nun mal sehr ruhig. Da kann man die Fenster aufsperren, ohne taub zu werden. Es geht doch sehr viel ruhiger zu als im Krankenhaus. Es ist gut so. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass Gott mich in so gute Hände gelegt hat.

Noch ’ne Klinik ?

Heute Morgen war ich bei der Therapeutin. Ziemlich schnell wurde klar das sich mein Zustand wirklich verschlechtert hat. Es wird wohl doch Zeit, dass ich eine Klinik aufsuche. Es gibt in meiner Umgebung ein paar wirklich gute Kliniken. Die Frage ist, ob eine vollstationäre Behandlung infrage kommt oder lieber eine teilstationäre Behandlung erwogen wird. Ich selbst halte, im Moment, mehr von einer teilstationären Behandlung. Da kann ich am späten Nachmittag wieder nach Hause. Ich fände es schon wichtig, meinen Alltag nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Es ist nicht mein soziales Umfeld das die Depression begünstigt. Eher Dinge, die tief in mir bohren, sind ein Problem. Das kann keine Therapie und keine Klinik der Welt wieder in Ordnung bringen. So weit sind wir in der Behandlung schon gekommen. Es geht einfach darum den Alltag zu bewältigen, Struktur ins Leben zu bekommen, Barrikaden der Destruktion und Angst zu überwinden. Morgen habe ich einen Termin bei meiner vertrauten Ärztin. Diese Frau ist weit mehr als „nur“ meine Ärztin. Sie ist eine enge Vertraute geworden und kennt mich besser als meine Eltern. Auf das Urteil dieser Frau kann ich immer aufbauen. Mal schauen, welche Entscheidung fällt. Ich bin jedenfalls für jede Entscheidung offen.

Angstzustände

Heute Morgen plagten mich heftige Angstzustände. Ich war nicht in der Lage das Bett zu verlassen. Mir war schlecht und alles drehte sich. Außerdem zitterte ich minutenlang am ganzen Körper. Als das Zittern etwas verging, hatte ich die Chance mein Notfall Medikament zu schlucken. Kurz danach war der Anfall vorbei. Jetzt sind nur noch akute Magenschmerzen vorhanden. Ich bin bei diesem Angstzustand nicht in Panik geraten. Das ist ein Ergebnis der Angstgruppe in der Tagesklinik. Ich konnte das Problem einordnen. Damit war der grösste Schritt schon getan.

Völlige Umkehr

Heute Morgen war ich beim Psychiater. Der gute Mann geht in Urlaub und so war es wichtig vorher noch einen Termin zu vereinbaren. Das Gespräch dauerte heute etwas länger. Wir entschieden nun endgültig, das es ohne Medikamente nicht geht. Dazu ist die Depression zu tief und meine Traurigkeit zu schwer. Ohne Medikamente könnten die zaghaften Pflänzchen der Hoffnung wieder verwelken. Nun also gibt es doch  Venlafaxin. 300 mg pro Tag. Dazu noch 50 mg Doxepin. Das ist eine völlige Umkehr der Tagesklinik. Aber ich kann einfach nicht mehr. Ich kann und will diese andauernde Traurigkeit nicht ertragen. Diese Traurigkeit macht mich unfair und zynisch. Ich will so nicht leben. Ich will nicht Menschen verletzten, die überhaupt nichts für meine Situation können. Ich will nicht, dass sich mein ganzes Leben nur noch um die Depression dreht. Ich muss feststellen, dass ich durch den Verzicht auf alle Medikamente nur noch stärker in den Wirbel der Depression geraten bin. Es war eine falsche Entscheidung. Ich will überhaupt keine Verantwortung zuweisen. Aber der Psychiater versteht absolut nicht, was man sich in der Tagesklinik mit dem Absetzen der Medikamente gedacht hat. Nun also die Wende und wieder Medikamente. Ich bin inzwischen zu fast allem bereit, um aus meiner Traurigkeit wieder herauszukommen. Ich denke einfach das gerade bei Depressionen, die Zeit der entscheidende Faktor ist.

Abschied – Tagesklinik

Am Freitag war Abschied aus der Tagesklinik angesagt. Ehrlich gesagt bin ich dann doch mit leichtem Herzen gegangen. In gewisser Weise bin ich froh das „es“ vorbei ist. Am Freitagmorgen gab es ein letztes Gespräch mit der Ärztin der Tagesklinik. Kurz und intensiv. Sie sagte mir das ich jederzeit anrufen und auch vorbeikommen kann. Sie machte mir aber auch klar das ich die Tagesklinik krank verlasse. Vielleicht noch kränker als ich hinein gekommen bin. Die Schatten werden tiefer. Daran hat auch die Tagesklinik nichts geändert.

Nach dem Gespräch mit der Ärztin gab es viel freie Zeit. Es wurde mir wieder klar wie einsam und verlassen, wie fremd, ich mich in der Tagesklinik gefühlt habe. Irgendwie sind meine Probleme ganz anderer Natur als die von den meisten anderen Patienten dort.

Meine liebste Mitpatientin hat – ganz kurzfristig und überraschend – beschlossen mit mir zusammen die Klinik zu verlassen. Ihr scheint es ähnlich ergangen zu sein wie mir. Aber schon weil ich diese wunderbare Frau kennenlernen durfte, hat sich der Aufenthalt in der Klinik gelohnt.

Schliesslich gab es noch das gemeinsame Kaffee trinken und die Verabschiedung. Es gab ein paar kurze Reden und fantasievolle Geschenke. Das ist der letzte Eindruck, den ich aus der Klinik mitnehme.

Der letzte Eindruck war harmonisch und schön. So will ich die Klinik mit ihren Menschen, Personal und Mitpatienten, in Erinnerung behalten. Aber ist dieser Wunsch keine Flucht vor der Wirklichkeit?

Abschied aus der Tagesklinik

Morgen werde ich noch mal in die Tagesklinik fahren, um mein Abschlussgespräch mit der tollen Ärztin dort zu führen und mich von meinen Mitpatienten zu verabschieden.

Mein, schon gewohnter, Psychiater hat mich eben schon wieder krankgeschrieben und Notfall (!) Medikamente verordnet. Normalerweise geht beides erst mit dem Entlassungsbericht. Aber wir kennen uns jetzt schon seit mittlerweile über 8 Jahren und so gehen auch Dinge die eigentlich nicht gehen.