Ist ein Leben ohne Leiden sinnvoll ?

Die „Bauch-Antwort“ lautet: „Ja“. Aber wie so oft sind „Bauch-Antworten“ wenig zielführend. Wenn nur der Bauch spricht, aber nicht das kognitive System, kommt selten eine belastungsfähige Antwort zustande.

Also: Ist ein Leben ohne Leid sinnvoll?

Oft werde ich gefragt ob ich in die Zeit vor der Depression, vor der Leukämie, zurück möchte. Meine Antwort lautet: „Nein“.

Heute lebe ich viel bewusster, viel betonter. Ich habe viele neue Interessen entdeckt, denen ich frönen kann. Abstürze in die Depression bedeuten auch einen Lernprozess. Am Ende dieses Lernprozesses steht „Simcha“.

Von meinem tief verehrten Rav habe ich gelernt, das die Mitzvah Gedolah eine der grössten Mitzwot in einem gelebten jüdischen Leben ist.

Worum geht es?

„Wir haben die Pflicht, immer in Simche zu sein“. So lehrt es nicht „nur“ mein Rav. So lehrt es auch Rav „Nachman-Ma-Umam“ von Breslov. Wer seine Schüler kennt, weiss das sie diesen Grundsatz, diesen Auftrag, leben.

Immer in Simche zu sein. Übersetzt heisst das für mich: Hinter allen Wolken die Sonne zu sehen. Die Sonne kann schon ein Wort von Rav Nachman sein. Oder eine Mail meines tief geschätzen Rav, aber auch der Rebbezin. Auch wenn beide nicht mehr in „meiner“ Gemeinde sind, ist der Kontakt nie abgerissen. Betty und Yaacov sei Dank.

Kann die Sonne eines Rav Nachman, die Simche im eigenen Leben, ohne Leid scheinen ? Oder ist Leid, sind Wolken vor der Sonne, nicht die Voraussetzung für das Leben mit Simcha ? Ist ein tiefes Schwarz nicht Voraussetzung für ein tiefes, lebensfettes, Gelb ?

Natürlich. In Phasen des Leidens, der Trauer, wünsche ich mir, das diese Phasen vorbeigehen. Aber tief in meinem Innern weiss ich, das die Trauer, das Schwarz, mich nicht auf Dauer beherrschen werden.

‚Kol haOlam kulo, Gesher k’zar meod

– vehaIkar hu lo lefahed klal!“

 “Die ganze Welt ist ein sehr schmaler Steg

– und das Wichtigste ist es,

gar keine Angst zu haben!“

Es ist notwendig Leid zu erleben, um Freude erleben zu können.

Deshalb halte ich ein Leben ohne Leid nicht für sinnvoll.

Und auch nicht für  wünschenswert.

Die Simcha, die Sonne, kommt wieder.

Diese tiefe Gewissheit lebe ich.

Danke, Nachman.

Danke, Betty.

Danke, Yaakov.

Wochenabschnitt Beschalach

An diesem Schabbes lernen wir den Wochenabschnitt Beschalach.

Das jüdische Volk sieht sich auf der Flucht dem Meer und der ägyptischen Heeresmacht gegenüber. Es bricht Panik aus. Was wird sein? Werden wir alle im Meer sterben? Werden die Ägypter uns abschlachten? Warum sind wir nicht in Ägypten geblieben?

Angst. Ein starkes Gefühl. Ein Gefühl das beflügeln, aber auch lähmen, kann. Es braucht einen Anführer. Den Anführer hat G“tt seinem Volk längst gegeben. Es ist Mosche. Er macht sich zum Sprecher seines Volkes bei G“tt. Auch weil das jüdische Volk G“tt nicht mehr vertraut? Braucht das Volk ein Medium, um mit G“tt zu kommunizieren?

G“tt steht zu seinem Volk. Die ägyptischen Verfolger gehen unter. Am anderen Ufer stehen die siegreichen Israeliten. G“tt hat sein Volk gerettet.

Der Schabbat wird dem Volk Israel gegeben. Eine Belehrung zunächst. Noch keine Quelle der Freude. Zunächst braucht es die Belehrung.

Dass Man fällt vom Himmel. Es reicht für zwei Tage. Damit der Schabbes gehalten werden kann. Aber es reicht eben für zwei (!) Tage. Nicht für drei oder mehr. Alles, was in den zwei Tagen nicht verzehrt wird, kommt um in Maden, wird schlecht.

Warum? Weil wir G“tt vertrauen sollen. G“tt wird uns mit der notwendigen Nahrung versorgen. Nicht mehr und nicht weniger. Vorratshaltung, gerade in dieser Phase der Geschichte, bedeutet G“tt nicht zu vertrauen. Man hält einen Vorrat, wenn G“tt seine Versprechen nicht einhält. Oder? Das aber ist Unglauben. Warum glauben wir nicht an G“tt ? Warum vertrauen wir G“tt nicht alleine? Warum meinen wir, einen grösseren Vorrat anlegen zu müssen? Hat G“tt uns nicht, in so vielen Fällen, gezeigt das ER uns beschützt? Immer wieder neu beschützt?

Der Schabbes ist ein Anfang. Eine neue gesellschaftliche Ordnung. Back to the Roots. Die Menschen, wir alle, werden zurückgeführt auf den Ursprung unseres Seins. Zurückgeführt durch die Heiligung von Körper und Seele. Zurückgeführt durch die Entfaltung des Individuums. G“ttesfürchtigkeit bedeutet nicht in kollektiven Wahn zu verfallen. Jeder von uns soll G“tt fürchten. Weil G“tt uns liebt. Wir brauchen keine Nebenbefriedigungen. Auch keinen leeren Konsum.

G“tt wird für unsere Erhaltung sorgen. Nicht mehr und nicht weniger.

Das Volk G“ttes wird von Amalek verfolgt. Es geht um zwei Prinzipien des Lebens. Bei Amalek geht es um Unterwerfung. Beim Volk Israel geht es um die Freiheit. Zwei Prinzipien. Nicht miteinander zu verbinden. Es gibt keinem Kompromiss. Unterwerfung oder Freiheit. Amalek oder Israel?

Ich habe Israel gewählt. Ich werde mich nicht unterwerfen. Nicht unter Menschen.

Ich unterwerfe mich alleine G“tt. Früher führte das zu Disziplinarverfahren. Heute führt das zu Kommentaren hinter meinem Rücken. Aber das alles ist nicht wichtig. Ich habe keine Angst und ich verstehe die Kommentierer. Woher sollen sie die Liebe G“ttes, die Freiheit seines Volkes, kennen?

Wir sollen die Thora immer persönlich denken. Die Thora ist kein Geschichtsbuch. Die Thora stellt uns Fragen. Die Thora stellt mir Fragen. Ganz konkret. Wie denke ich? Wie ist mein Handeln? Vertraue ich G“tt, auch wenn es mühsam ist? Oder schwimme ich nicht doch mit im Strom der Verächter? Bin ich stark? Oder bin ich zu schwach, um zu glauben, um den Weg G“ttes ohne Angst zu gehen?

Fühle ich mich nicht, oft genug, von Amalek verfolgt?

Stehe ich nicht oft genug am Ufer und zittere, weil mein G“ttvertrauen dahin ist?

Ich glaube wir haben den Kampf jeden Tag zu bestehen.

Als Mensch bin ich fehlbar. Als Mensch gehe ich, immer wieder, falsche Wege. Als Mensch fehlt mir oft die Kraft und das Vertrauen.

Wenn der Moschiach kommt, (Wann, Wann?) wird der Kampf ein Ende haben.

Dann sind wir erlöste Kinder G“ttes.

SCHABBAT SCHALOM !

Wochenabschnitt Bo

An diesem Schabbat lernen wir den Wochenabschnitt Bo.

Die Mazza kommt ins Blickfeld der Geschichte. Pessach. Die Eile des Auszuges. Das ungesäuerte Brot. Auch ein Symbol für die Entbehrungen Israels. Das ungesäuerte Brot ist ein besonderes Brot. Pessach ist ein besonderes Fest. Pessach ist das Fest der Freiheit. Der Auszug aus der Sklaverei. Die Mazza ist ein Symbol für die Anstrengung der Freiheit. Freiheit ist nicht ohne Gegenleistung zu haben. Das Volk Israel hat eine schwere Wanderung vor sich. 40 Jahre. Es gibt Revolten. Es gibt Undankbarkeit. Es gibt ein Vergessen der Freiheit.

Geht es uns nicht auch so ? Bedenken wir den Wert unserer Freiheit ? Oder klagen wir nicht, viel zu oft, über den hohen Preis der Freiheit ? Freiheit bedeutet Entscheidungen treffen zu müssen. Freiheit bedeutet auch Diskussionen zu verlieren. Oder Diskussionen zu gewinnen. Beides ist möglich. Freiheit bedeutet auch die Anstrengung einer demokratischen Lebensform.

Ist mir die Freiheit nicht oft genug zu anstrengend ? Wie ist das mit meinem Auszug aus dem Land meiner Zwänge ? Habe ich die Kraft das gewohnte Land der Unfreiheit zu verlassen und mich ins ungewohnte und ungewisse Land der Freiheit zu begeben ? Ich meine damit die innere Freiheit des Menschenkindes.

Und wie ist das an Pessach ? Sind wir uns, in der Diaspora, wirklich bewusst was es bedeutet in die Freiheit aufzubrechen ? Oder ist Freiheit nur ein bedeutungsloses Wort ? Lernen wir aus dem Wochenabschnitt oder legen wir den Abschnitt beiseite ? Freiheit ist beides. Es liegt an uns eine Entscheidung zu treffen. Das ist gelebte Freiheit.

Wochenabschnitt Schmot – Das Buch Exodus

An diesem Schabbat beginnen wir mit der Lesung des zweiten Buches der Thora. Das Buch heisst Schmot (Exodus).

In diesem Buch beginnt Israel, ein Volk zu werden. Sicherlich: Es ist ein Volk, das vor einer grossen Aufgabe steht. Dem Auszug aus Ägypten. Die Sklaverei lässt das Volk hinter sich. Aber mit der Sklaverei werden auch lieb gewonnene Gewohnheiten und die Sicherheit der Unfreiheit hinter sich gelassen.

Die Sicherheit der Unfreiheit? Man musste nicht selbst entscheiden weil entschieden wurde. Man ordnete sich unter und machte, was die Herrscher sagten. Sind wir heute so weit davon entfernt? Wünschen wir uns nicht auch das es jemanden gibt der uns Entscheidungen abnimmt? Gerade auch Entscheidungen, die ein ganzes Volk betreffen? Fühlen wir uns manchmal nicht kompetent genug, um zu entscheiden? Haben wir nicht Angst vor falschen Entscheidungen?

Dem Volk Israel entsteht ein „Entscheider“. Mosche wird in dieser Zeit geboren und er wird Israel durch die lange Wüstenwanderung führen. 40 Jahre lang. Er wird das heilige Land Israel nicht betreten. Letztlich fehlte ihm in einem Moment das Gottvertrauen. Die Strafe ist hart. Ist das für uns verständlich? Vermutlich nicht, wenn wir mit unseren Erfahrungen an diese Tatsache herangehen. Meine Erfahrung ist jedenfalls das Fehler, in den meisten Fällen, wieder ausgebügelt werden können. Meistens hilft da schon ein Gespräch. Ich habe allerdings auch kein Volk zu führen. Kleinere Kreise sind da schon anstrengend genug.

Aber noch ist es nicht so weit. Der Exodus besteht als Idee in den Köpfen. Der Exodus ist G“ttes Wille. Die Idee des Exodus muss reifen. Mosche muss (er) wachsen (werden). Die wenigsten Menschen haben mit ihrer Geburt die Kraft Menschen zu faszinieren. Reicht eine Idee um Menschen zu faszinieren? Was wäre aus dem Zionismus ohne Theodor Herzl  geworden ? Es braucht immer Menschen mit der Ausstrahlung und der Kraft Entscheidungen zu treffen. Auch für Gruppen. Auch für Völker.

Sicherlich brauchen wir G“ttes Hilfe auf unserem Weg. G“tt nimmt uns die Angst und gibt uns Zuversicht. Darum beten wir.

Mit dem Buch Schmot beginnt eine Erzählung, die bis heute andauert. Hier liegt die Wurzel für den Anspruch des jüdischen Volkes auf das Heilige Land. Auf Israel.

Wie so oft sind Texte aus der Thora aktuell bis in unsere Zeit. Gerade das macht die Thora aus. Es handelt sich nicht um ein altes, verstaubtes, Buch, sondern die Thora stellt Fragen an uns. Aktuelle Fragen. Oft auch unbequeme Fragen. Gerade das macht die Lektüre und die Auslegung der Thora so spannend. Deshalb wage ich, über meine Gedanken zu den Wochenabschnitten zu schreiben.

Wochenabschnitt Schemot

An diesem Schabbat lesen wir den Wochenabschnitt Schemot. das zweite Buch der Thora beginnt. Eine neue Welt. Rabbiner Samson Rafael Hirsch schreibt in seiner Auslegung zu unserem Wochenabschnitt unter anderem:

Mit dem zweiten Buche beginnt die Geschichte des jüdischen Volkes. Aus der Einzel- und Familiengeschichte wird in die Volksgeschichte hinübergeleitet, durch erinnernde Nennung der einzelnen Männer, die uns bereits als „Grundstöcke“ der jüdischen Volksgemeinschaft bekannt sind.

Auch Chabad Lubavitsch hebt diesen Aspekt der „Volkswerdung“ hervor:

Mit dem Buch (Sefer) Schemot beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte von Jakobs Familie: Aus einer Familie wird ein Volk. Die Thora erwähnt noch einmal kurz die Namen der Söhne Jakobs, die mit ihm nach Ägypten gezogen waren und erzählt, wie diese Generation starb und eine Neue heranwuchs.

„Grundstöcke“:

Und dies sind die Namen der Söhne Israels, die nach Ägypten kamen; mit Jaakow kam jeder und sein Haus. Re’uwen, Schimon, Levi und Jehuda, Jissachar, Sewulin und Binjamin, Dan und Naftali, Gad und Asher.

Die Stämme Israels. Aber auch Namen. Namen sind wichtig. Was ist ein Mensch ohne Namen? Aber niemand lebt alleine. Er ist Teil eines Ganzen. Auch wenn wir das in unserer  technisierten und „vereinzelten“ Welt nicht akzeptieren wollen.

Israel wurde ein Volk. Trotz aller Bedrohung und trotz aller Unterdrückung. Israel ist ein Volk geblieben und wird immer ein Volk bleiben. Mit oder ohne Tempel. Mit oder ohne eigenes Land. Im Heiligen Land und in der Diaspora. Warum? Weil Israel G“ttes Volk ist. G“tt, nicht ein Mensch, lenkt die Wege Israels.

Das grösste Zeichen von G“ttes Bund mit seinem Volk ist der Schabbes. Wie klares Wasser und Honig ist der Schabbes für die Menschen, welche ihn halten. Freude ist der Schabbes. Freude an G“ttes Herrlichkeit. Freude an der Schrift. Freude am Bund. Die Seele jubelt vor Freude. Ich könnte mir ein Leben ohne Schabbes nicht mehr vorstellen. Zu dunkel und traurig wäre das Leben.

Wochenabschnitt Lech Lecha

An diesem Schabbat lernen wir den Wochenabschnitt Lech Lecha. Für den Grenzgänger ist dieser Text der „Favorit“ unter den Wochenabschnitten.

Lech Lecha ->  Worum geht es?

Zu Abraham aber sprach G“tt: Gehe für dich alleine von deinem Land. Deinem Geburtsort und dem Haus deines Vaters, zu dem Land Kenzan hin, das ich dir zeigen werde.

Es geht um einen Unbekannten Weg. Es geht um die Unsicherheit und es geht um G“vertrauen.

GOTT SPRACH. ABRAHAM FOLGTE. Ist das nicht ein Vertrauensbeweis?

Abraham hatte kein Pfand, keinen Vertrag in der Hand. Er hatte auch kein Navigationssystem dabei. Er wusste schlicht nicht, wohin der Weg führt. Er wusste nicht ob der Weg angenehm leicht oder vielleicht doch schwierig werden würde. Aber Abraham folgte G“tt. Er folgte G“tt, weil er Vertrauen zu G“tt hatte.

Nun ist das mit dem vertrauen so eine Sache. Ich denke, wir sollten unterscheiden, ob wir von Vertrauen zu Menschen oder von Vertrauen zu G“tt sprechen. Haben wir nicht alle schon Enttäuschungen erlebt, wenn wir unseren Mitmenschen zu sehr vertraut haben? Haben wir vielleicht erlebt das Vertrauen missbraucht wurde ? Dass alles gilt für Vertrauen zu den Mitmenschen. Trotzdem dürfen wir nicht aufhören vertrauen in G“tt zu haben.

G“tt hat ein anderes, moralisches, Koordinatensystem. Was für Menschen wichtig ist das ist für G“tt unwichtig. G“tt weiß um die wesentlichen Dinge des Lebens – in unserer Welt und in der zukünftigen Welt. Das hat G“tt den Menschen voraus. Auch G“tt hat Enttäuschungen mit den Menschen erlebt. G“tt ist zwar auch ein strafender G“tt. Das Mitleid und die Empathie mit seinem Volk hat er aber nie aufgegeben.

Es gibt den Bund des Schabbat. Mit diesem Bund zeigt G“tt die Verbundenheit mit seinem Volk. In unserem Wochenabschnitt lernen wir noch über einen zweiten Bund: die Beschneidung. Alle männlichen Mitglieder des jüdischen Volkes sollen im Säuglingsalter beschnitten werden. Auch für männliche Konvertiten im Erwachsenenalter ist die Beschneidung vorgeschrieben. Das ist dann die endgültige Aufnahme ins jüdische Volk. Ein Bund wird geschlossen.

Ein Mensch, der zum Judentum übertritt, ist in gewisser Weise, in einer ähnlichen Situation wie Abraham. Auch ein Konvertit weiß nicht wirklich, wohin der Weg geht. Er weiß nicht um die Hindernisse, die im Wege stehen. Ein Konvertit ist aber (hoffentlich) so g“ttesfuerchtig, das ihn diese Unsicherheit nicht belastet. Es geht beim Übertritt nicht um Zeit. Es geht um Vertrauen in G“tt. G“ttesfuerchtigkeit ist ein positiver Lernprozess.